Dienstag, 12. August 2014

Die Sache mit der Esserei...

In regelmäßigen Abständen erhalte ich Emails von besorgten Eltern, die mit ihren Kindern gerade ähnliches erleben wie wir mit Johanna erleben mussten, die auf ihrer Suche nach Informationen über Essstörungen bei Kleinkindern auf meinem Blog landen.
Darüber freue ich mich jedes Mal sehr, auch wenn ich nicht immer sofort dazu komme, auf diese Emails zu antworten. (Früher oder später passiert das aber, versprochen!)

Als wir vor vier Jahren (so lange ist das schon her) ganz langsam zu ahnen begannen, dass irgendetwas mit unserer Tochter nicht in Ordnung sein kann, weil sie im Alltag stellenweise überaus merkwürdiges Verhalten an den Tag legte und vor allem die Sache mit der Beikost ein schier unüberwindbares Hindernis darstellte, das für allerlei Tränen und Geschrei der Verzweiflung, Wut, Hoffnungslosigkeit und Angst sorgte, damals wäre ich glücklich gewesen, ich hätte solch eine Informationsquelle im Internet gefunden. Wenn ich hätte feststellen dürfen, dass unser Kind nicht das einzige auf der Welt ist, das am gedeckten Tisch verhungern würde.
Doch damals waren die Informationen noch deutlich rarer gesät als heute.
Ebenfalls Betroffene habe ich nur über unsere Therapeuten oder im Krankenhaus gefunden. Hat man sich im Internet in entsprechenden Foren informieren wollen wurde man gleich in die Autismus-Schublade gesteckt. Schwachsinn. Nicht jedes Kind mit Wahrnehmungsstörungen (welcher Form auch immer) ist autistisch.
Und viel zu oft bekam man den Stempel "schlechte, unfähige Mutter" aufgedrückt. 
Das Kind isst nicht? Das kann ja nur an der Mutter liegen.
Im Internet und auf der Strasse. Wie oft haben mich die Leute angeschaut, weil ich meiner für Brei viel zu alten Tochter eben jenen im Restaurant oder wo auch immer anrührte. Selbst im Krankenhaus erlebte ich völliges Unverständnis von Seiten des Personals, als ich um Grießbrei für mein damals bald dreijähriges Mädchen bat.

Inzwischen sind seit Beginn der Probleme rund vier Jahre vergangen. 
Jahre mit diversen Arztbesuchen und Krankenhausaufenthalten, Momenten der schieren Panik und Verzweiflung, aber auch der Hoffnung, der Freude und des unbändigen Stolzes.
Jahre mit unterschiedlichen Therapien, die letztendlich zum Erfolg führten.
Oder Teilerfolg?

Wo stehen wir eigentlich?
Wo steht Johanna?

Fakt ist: Seit sie am dritten Januar diesen Jahres den Breilöffel in die noch halbvolle Schüssel gesteckt und nach etwas anderem verlangt hat, seitdem hat sie keinen Brei mehr angerührt. Sie ernährt sich fast wie ein "normales" Kind von fester Nahrung.
Fakt ist aber auch: Sie ist dabei extrem - ganz extrem - wählerisch. Das mag den Vorteil haben, dass man nie viel im Kühlschrank haben muss. Aber selbst Johanna weiß inzwischen viel zu oft nicht, was sie essen möchte, da sie sich an ihrer Handvoll Nahrungsmittel, die sie zu sich nimmt, wahrscheinlich satt gegessen hat. Sie kommen ihr sprichwörtlich zu den Ohren raus.
Und ganz ehrlich: Ich kann langsam auch keine Nudeln mehr sehen! 

Ob nun Frühstück, Mittagessen, Abendbrot oder Zwischendurch: Johannas Einkauf könnte ich mit einem kleinen Henkelkörbchen bewerkstelligen und hätte trotzdem alles dabei, was sie für zwei Wochen Vollpension benötigt.
Das ist ganz oft noch sehr nervig. 
Das Kochen macht keinen Spaß, wenn die Madame mit Gabel oder Löffel im Essen herumstochert und die Reiskörner einzeln rauspickt, nachdem sie alles andere, was eventuell noch daran kleben könnte, abgeschabt hat.
Frisches Zeug isst Johanna gar nicht. Null, nix, nada. Nur Äpfel, aber da auch nur Gala oder mit Glück Granny Smith. 
Ehrlich: Inzwischen isst Jonas mehr Rohkost als Johanna. Er kaut auch auf Gurkenscheiben herum, die Apfelsorte ist ihm schnurzpiepegal, und generell steckt er sowieso alles in den Mund, was er in die Finger bekommt. 
Herrlich erfrischend, so ein ganz normales Baby mit oraler Phase.

Immer mal wieder zwischendurch muss ich mir in Erinnerung rufen, wo wir vor einem Jahr oder gar vor zwei/drei Jahren gestanden haben. Mir bewusst machen, was für riesige Fortschritte Johanna gemacht hat, und was für ein Erfolg es ist, dass sie nun überhaupt feste Nahrung isst. Dass ich keinen klebrigen Brei mehr für sie anrühren muss.

Man neigt dazu, das zu vergessen. Ungeduldig zu werden. Zu wenig Verständnis zu zeigen.
Auf der anderen Seite bin ich oft der Meinung, dass sie sich nun langsam ein bisschen am Riemen reißen kann. Dass sich Johanna nicht bei jeder Gelegenheit so anstellen muss.

Entsprechend koche ich inzwischen einfach, was ich kochen möchte.
Friss oder stirb. 
Nun kann man das mit Johanna machen. Vor zwei Jahren wäre sie mit dieser Methode tatsächlich gestorben.
Sie soll alles probieren (macht sie natürlich nicht, wäre ja auch zu schön), muss aber nicht alles essen. Verhungert ist sie bis heute nicht. Auch wenn ich oft noch fast umsonst gekocht habe.

Wir gehen weiter unseren oft noch anstrengenden Weg.
Ein unproblematischer Esser wird Johanna wahrscheinlich nie werden. 
Aber inzwischen ist sie immerhin überhaupt ein Esser!