Sonntag, 16. Februar 2014

"Voll Hass an die Wand geworfen...

... mit viel Liebe wieder abgekratzt."

Dieser Satz hallt bis heute in mir nach und wird mich vermutlich den Rest meines mütterlichen Lebens durch die Erziehung meiner Kinder begleiten.

Es war an einem Vormittag irgendwann im Januar 2010. 
Johanna war damals knapp acht Wochen alt, und ich befand mich - ohne mir dessen bewusst zu sein - auf dem Weg (oder schon mittendrin?) in eine ordentliche (Wochenbett-)Depression.
Die ersten Lebenswochen schrie und schrie und schrie dieses Kind. 
Ich war damals die meiste Zeit alleine, da mein Mann und ich aus beruflichen Gründen eine Wochenendbeziehung führten. Ich schlief kaum, aß selten und unregelmäßig, und eigentlich bestand fast der ganze Tag (und ein großer Teil der Nacht) daraus, das weinende Neugeborene durch die Gegend zu tragen. Stundenlang. 
Die ersten Wochen waren wirklich der Horror.
Ich weiß noch, dass ich nicht nur einmal den Tränen nahe meine Mama angerufen und gefragt habe, ob ich mit Johanna vorbeikommen könne, damit ich mal etwas anderes zu sehen bekäme und das Kind eine Weile in "fremde" Hände geben könnte.
Ich war verzweifelt, fühlte mich schlecht, dem Muttersein nicht gewachsen, wie eine Versagerin, ich weinte vermutlich fast genau so viel wie meine Tochter.
Ich verstand nicht, warum ich scheinbar unfähig war, mein Kind zu beruhigen, und noch weniger wollte mir in den Kopf gehen, wie es überhaupt möglich sein konnte, dass ich auf mein Mädchen, auf mich und auf die ganze Welt wütend war, anstatt schlicht die abgöttisch liebende Mutter zu sein.

An diesem Vormittag wartete ich mit ausnahmsweise einmal ruhiger Johanna auf dem Arm auf meine Hebamme. Wieder einmal hatten wir eine schwierige Nacht mit viel Geschrei hinter uns und ich muss ausgesehen haben wie der verzweifelte Tod auf zwei Beinen. Strähnige Haare, verquollene Augen, Schlabberklamotte, pure Müdigkeit und Niedergeschlagenheit.
Meine Hebamme kam durch die Tür, sah mich an, und sprach diesen bedeutungsschwangeren Satz aus, wahrscheinlich ohne sich darüber klar zu sein, wie sehr sie mir damit in dem Augenblick half.

"Voll Hass an die Wand geworfen, mit viel Liebe wieder abgekratzt."

Sie strich mir über den Arm und erklärte mir, beruhigte mich, dass jede Mutter in solch einer Situation wütend sein dürfe. Dass es erlaubt, völlig normal sei, nicht nur übersprudelnde Liebe zu fühlen, sondern dass man viel lieber alles hinwerfen wolle, an sich zweifele und sich frage, was überhaupt man sich dabei gedacht habe, ein Kind in die Welt setzen zu wollen.

Und genau deshalb sind Hebammen für werdende und gerade gewordene Eltern (bzw. in erster Linie Mütter) so wichtig. Weil sie im richtigen Augenblick da sind. Wenn man an sich selber zweifelt und die ganze Welt verfluchen möchte, weil man das Gefühl hat, als frisch gebackene Mama zu versagen, dann wissen sie genau, wovon man redet. 
Ob sie nun nur verständnisvoll in den Arm nehmen und trösten, oder ob sie genau die passenden Worte finden, das richtige Mittel für das akute Wehwehchen, ganz zu schweigen von der grundsätzlichen Vor- und Nachsorge während der Schwangerschaft und (nach) der Geburt; eine (werdende) Mutter braucht ihre Hebamme!
Als Retterin in der Not, als mit Rat und Tat zur Seite stehende Begleiterin durch das Abenteuer Schwangerschaft und Geburt, als Quell allen Wissens, den man zum Bestehen dieses Abenteuers braucht, einfach als helfende Hand, die genau dann gereicht wird, wenn Frau sie braucht.

Seit Monaten verfolge ich mit wachsender Besorgnis die Entwicklungen und Entscheidungen in Politik und bei den Versicherungen die freiberuflichen Hebammen betreffend, und daher war es mir ein persönliches Bedürfnis, nun an der "Blogparade: Wozu denn Hebammen?", ins Leben gerufen von der Grummelmama, teilzunehmen.

Kommentare:

  1. Toller Post!
    Ich hatte bei meinen beiden Prinzen auch eine wundervolle Hebamme - und finde den Gedanken daran, dass anderen (werdenden) Müttern, dieser Luxus verwehrt bleiben könnte, furchtbar...
    Liebe Grüße
    Anke

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich finde den Gedanken auch erschreckend!
      Hoffentlich tut sich da noch etwas...
      Gruß,
      Rebecca

      Löschen
  2. Ein sehr nachdenklich machender Post... ja ohne meine Hebamme wär das auch nix geworden mit dem Stillen - in der heutigen Gesellschaft wo man ja auch kaum mehr Unterstützung von Verwandten und Freunden hat, echt undenkbar ohne Hebamme zu sein! Mir ging es übrigens genauso wie dir...

    Liebe Grüße

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ja, die Stillhilfe ist auch so ein großes Feld, das ohne Hebammen viel, viel schlechter bestellt wäre. So vieles wäre so viel schlechter ohne Hebammen...

      Und es tut immer gut zu sehen, dass man nicht die einzige frisch gebackene Mama mit Problemen war oder ist.

      Liebe Grüße,
      Rebecca

      Löschen