Dienstag, 15. Januar 2013

Straßengedanken

Beim Autofahren finde ich zu mir selber.
Es ist ruhig um mich herum - abgesehen vom monotonen Brummen des Wagens, aber das kann auch etwas sehr Meditatives haben - und ich muss weder zuhören noch antworten.
Ist Johanna mit im Auto, beschäftigt sie sich in der Regel mit sich selber oder singt lustige Liedchen vor sich hin und klatscht dabei - natürlich nur, wenn sie nicht sowieso ihrer Lieblingsautofahrbeschäftigung, dem Schlafen, nachgeht.

Da sind also nur ich und das Brummen... und natürlich die Musik.
Ohne Musik kann ich nicht fahren, nicht leben, nicht sein.
Musik ist wichtig. Überlebenswichtig.

Eventuell kann man sich vorstellen, wie ich auf die Klänge anspreche, sofern sie meinem Verständnis von guter Musik entsprechen.
Entweder singe ich lauthals mit, während ich auf dem Sitz nahezu ekstatisch hin- und herwippe (sieht vermutlich selten bescheuert aus von außen, daher nehme ich mich an roten Ampeln ein ganz kleines bißchen zurück), oder es schnürt mir den Hals zu, und das Pipi steigt unaufhaltsam und sintflutartig in die Augen (möchte nicht wissen, wie viele mir entgegenkommende oder an Ampeln neben mir stehende Menschen schon dem Irrtum erlegen sind, ich hätte akut einen Todesfall in der Familie zu beklagen).
Sagen wir schlicht: Musik knipst mich ziemlich an.

Kommen wir zurück zum Autofahren.
Wenn es so schön ruhig ist (abgesehen von der geliebten Musik), kann ich die Gedanken wandern lassen. Nichts lenkt mich ab.
Ja, ich kann meinen Gedanken nachhängen und aufmerksam fahren gleichzeitig. Multitasking par excellence. 

Natürlich lande ich immer früher oder später bei Johanna und unserer abenteuerlichen Reise zum "normalen Essen", zur "normalen Wahrnehmung", zur "Normalität"
Alles in Gänsefüßchen, wie dem aufmerksamen Leser aufgefallen sein wird, eigentlich mag ich dieses Wort "normal" so gar nicht. 
Johanna ist ja nicht unnormal, nur besonders auf ihre ganz eigene Art und Weise. Anders eben. "Unbesonders" klingt aber reichlich doof, also belassen wir es widerwillig bei "normal".

Läuft dann noch die passende Musik im Radio, überkommt es mich einfach. 
Ich bin überwältigt von den hinter uns liegenden zwei Jahren, von den Irrungen und Wirrungen, den Herausforderungen, die mit Johannas Symptomatik einhergegangen sind und immer noch einhergehen, aber auch überwältigt von den Fortschritten, die sie inzwischen beinahe täglich macht und von dem Abenteuer "München", das irgendwo vor uns liegt.
Es öffnen sich die Schleusen, und ich schniefe vor mich hin.

Jedenfalls war es bisher so!

Heute fuhren wir von der Ergotherapie nach Hause, und im Radio lief "Read All About It" von Emeli Sandé, eigentlich ein klassischer ich-heule-mal-eben-los-Song für mich.
Und während ich den Klängen lauschte, meine Gedanken auf Wanderschaft schickte und unweigerlich erneut bei unserer alles überragenden Johanna-Thematik landete, wurde mir schlagartig bewusst, dass ich schon lange nicht mehr im Auto geweint habe. Dass mich dieses Thema zuletzt vor einigen Wochen, wenn nicht gar Monaten, zu Tränen bewegt hat.

In solchen Momenten merke ich, dass es doch einfacher geworden ist, dass wir entspannter sind, die Dinge - Johannas Esserei und ihre Wahrnehmungsgeschichte - einfach auf uns zukommen lassen können, und nicht zuletzt natürlich auch, dass unsere Madame in den letzten Monaten siebenmeilenartige Schritte nach vorne gemacht hat.

Sie isst zwar nach wie vor nichts außer Grießbrei und Joghurt (ich glaube, ich bekomme langsam ein Grießbrei-und-Joghurt-Trauma), aber sie legt seit einigen Monaten eine ganz neue, bisher nicht dagewesene Neugier an den Tag, probiert nahezu alles, löffelt inzwischen ab und zu mal Brühe oder Kakao, und wie sagten Ergotherapeutin Tine und ich heute übereinstimmend: Die Weichen für München sind gestellt. 
Johanna wirkt sehr offen für alles Neue, wodurch München eigentlich nur einen unglaublichen, im Moment noch unvorstellbar riesigen Schritt nach vorne hervorbringen kann.

Und dann ist er doch wieder da: Der sprichwörtliche Kloß im Hals, der die Kehle zuschnürt. 
Und irgendwoher, von ganz unten, steigen kleine Tränchen auf, die ich aber so gerade noch wegklimpern kann.

Doch noch alles beim Alten.

Kommentare:

  1. Erst einmal wollte ich dir sagen, dass ich deinen Blog wirklich gerne lese.
    Ich habe selbst keine Kinder und auch keine Kinder in Planung aber das was du hier schreibst, hebt sich von dem Kinder-Einerlei wirklich auf sympathische Art und Weise ab.

    Du beschreibst die Situationen mit Johanna so real, dass ich mir richtig vorstellen kann, was für ein wundervolles Kind sie ist.

    Deine Liebe zur Musik kann ich absolut nachvollziehen.
    Mir geht es absolut genau so wie dir.
    Die Tränchen solltest du übrigens gar nicht wegklimpern.
    Weinen macht frei ;) Und mit Musik baut es einen doch fast sogar wieder auf, wenn man dann mal fertig ist mit weinen.

    Johanna hat wirklich Glück eine so verständnisvolle und geduldige Mutter zu haben.
    Ihr tut doch wirklich alles, was in eurer Macht steht und Johanna wird ihren Weg gehen.

    Die kleinen Fortschritte die sie macht, sind doch der beste Beweis dafür.
    Es ist viel Arbeit aber ihr werdet das gemeinsam meistern.

    Und zum Thema normal oder nicht normal wollte ich auch noch was schreiben, wenn ich schon einen Roman verfasse ;-) :
    Es ist furchtbar traurig, dass die Gesellschaft bestimmt was normal ist und was nicht.
    Denn wäre der Mensch schon von Anfang an auf das "Anderssein" geprägt worden, indem der Facettenreichtum jedes Individuums einfach normal wäre oder wenn die Menschen Worte wie "Individuum" einfach mal wörtlich nehmen würden... dann würdest du gar nicht das "Richtige" Wort suchen müssen und ich würde die Worte nicht in Gänsefüßchen setzen müssen.

    Für euch ist doch eben genau das die Normalität.
    Und ich finds so schade, dass Menschen sich über solche Sachen zusätzlich zu ihren Problemen noch den Kopf "zerbrechen" müssen.
    Aber so wie ich das lese, gehst du auch damit ziemlich gut um ;)

    Ich wünsche euch für München, wann immer es los geht, viel Erfolg und Glück!

    Lieben Grüße
    Sandra



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  2. Es heißt imemr, man bekommt im Leben was man aushalten kann und was man braucht!
    Auch wenn es oft schweirig erscheinen machen, oder eben "anders", für euch ist es genau der richtige und genau der Notwendige We g.
    Ein ganz besonderer Weg, der Euch oder Dich sicher vieles soviel anders sehen lässt als andere, die es vielleicht einfacher haben.
    Es erscheitn mir irgendwie "echter", ein bisschen tiefgründiger und verbindet dich und Deine kleine johanna bestimmt auf eine ganz, ganz besodnere Weise!
    Ihr macht das doch alles so toll, ich bewundere Dich so sehr für Deine Geduld, Deine wunderbaren Gedanken zu Deiner Tochter und Dein ewig liebendes Verständnis.
    Und umso besse wenn Du diese Tränen hochsteigen und ihren Weg finden lässt, das tut eben manchmal einfach nur gut!
    E sist so spannend und ich wünsche Euch schon jetzt für München viel Kraft, viel Spaß, liebe Menschen und viele kleine Erfolge!
    Toi toi toi, ihr macht das schon.
    Ich bin ja sooo gepsannt wie es Euch dort ergehen wird.
    GLG, MamaMia

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  3. Hey Rebecca,

    wie bitte? Du bist nicht immer verständnisvoll und geduldig? Ich fasse es ja nicht ;-)
    Dass auch dir mal der Kragen platzt oder du nicht mehr weiter weißt ist ja völlig klar.Aber ich vermute fast, dass du schon wusstest wie klar mir das ist ;)

    Vielen Dank jeden falls auch für deinen Kommentar und fürs "folgen".
    Das freut mich sehr.

    Und das auch du leidest unter den Kilos wusste ich bereits. Ich hatte ja schon einiges darüber gelesen.
    Es ist doch wirklich ärgerlich, wie man sich selbst das Leben zusätzlich erschwert.
    Heute hab ich es immerhin geschafft mich etwas gesünder zu ernähren.
    Statt wie letzte Woche geplant Schnitzel Wiener Art, doppelt paniert, gab es dann mal gesunden Rucola mit Pute.
    Rein Gewissenstechnisch fühlt man sich da schon wesentlich besser.
    Aber jetzt muss ich mich bereits beherrschen nicht den Süßigkeitenschrank zu plündern.
    Deshalb werde ich jetzt brav Musik hören und meine Finger lackieren.
    Ich hab mal gelesen, dass alles was man über drei Wochen durchhält zur Gewohnheit wird.
    Wollen wir mal sehen, ob ich den inneren Schweinehund auf drei Wochen kriege ;-)

    Und ja, vielleicht schaffen wir zwei das ja irgendwie gemeinsam.
    Im andere motivieren bin ich super gut eigentlich ;)

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