Donnerstag, 31. Januar 2013

Das Beste fürs Kind

Das ist es doch, worum es geht, oder? 
Worum man sich als Mama oder Papa oder Oma oder Opa immer und überall Gedanken macht: Das Beste fürs Kind.

In unserem Fall für Johanna.

Wir haben eine Entscheidung getroffen.
Einige Tage (zwei Wochen?) nun habe ich mich bereits damit beschäftigt, gestern und vorgestern mit den Familienmitgliedern darüber gesprochen, die für Johanna neben mir am wichtigsten sind - nämlich Papa und Oma - und heute dann habe ich in einer sich bietenden Gelegenheit einfach aus dem Bauch heraus entschieden: Wir fahren nicht nach München. Wir fahren nirgendwohin.

Hin- und hergerissen war ich nun schon eine ganze Weile lang. War mir nicht sicher, was das Richtige, was das Beste für Johanna ist. Eigentlich bin ich mir immer noch nicht sicher, aber nun habe ich meinem Chef gesagt, dass ich im Februar doch anwesend bin, dabei bleibt es jetzt.

Hätte sich Johanna im Januar nicht so entwickelt, wie sie sich entwickelt hat, dann hätten sich gar keine Zweifel daran eingestellt, ob die stationäre Therapie weit weg in München das erste Mittel der Wahl ist oder nicht.
Aber sie hat in den letzten drei Wochen solch enorme Fortschritte gemacht, Sprünge in der Entwicklung, von denen wir vor drei Monaten noch nicht zu träumen gewagt hätten, dass ich mir nicht mehr sicher war, ob es der richtige Weg wäre, sie für vier bis sechs Wochen aus ihrem gewohnten Umfeld herauszureißen. Kindergarten, Freunde, Familie, vertraute (und liebgewonnene), wöchentliche Termine bei Daniela + Taps (Logopädin + Hund) und Tine (Ergotherapeutin) - alles weg.

Gerade für Johanna, die gewohnte Abläufe, Routine und Rituale braucht wie die Luft zum Atmen (ungelogen: wenn wir morgens nicht den richtigen Schuh - also den Rechten - zuerst anziehen, dann ist der Tag gelaufen; kann sie nicht mit umgehen, wenn ich aus Versehen mal den Linken vor dem Rechten greife und fängt an zu weinen) wäre es ein unvorstellbar riesiger Einschnitt in ihr Leben, wenn ich sie aus ihrer gewohnten Umgebung, aus dem Umfeld, das ihr die so wichtige Sicherheit bei all den unbekannten und somit verunsichernden Reizen vermittelt, herausreiße.

Ist das wirklich nötig, müssen wir ihr das wirklich antun? 
Jetzt, wo sie sich so großartig und schnell in die richtige Richtung entwickelt. 
Wo Logopädie, Ergotherapie und Osteopathie tatsächlich die Knoten zum Platzen zu bringen scheinen.

Sie schaukelt. Auf der "großen" Schaukel. Wie eine Große. Ganz hoch. Am besten mit Überschlag. Als hätte sie nie etwas anderes getan.

Um nur ein einziges von ganz vielen, unzähligen Beispielen zu nennen.

Sie hat ein Selbstvertrauen entwickelt, dass es mir die Tränchen in die Augen treibt, wenn ich mein großes Mädchen beim inzwischen so selbstverständlichen Spielen auf dem Spielplatz beobachte. Sie macht all die Dinge, von denen wir vor drei Monaten nicht zu träumen gewagt haben.
Schaukeln, Karussell fahren, Klettern in ungeahnten Höhen, sogar an Rutschen traut sie sich ganz langsam heran. 

Sie badet inzwischen richtig gerne, wir haben keinen Badewasserterror mehr. Sie putzt sich ganz allein, ganz hervorragend die Zähne. 2 Minuten lang. Ohne, dass ich sie antreiben muss.
Vor einem Jahr war es undenkbar, dass sie die Zahnbürste ohne Weinen nur in die Nähe ihres Mundes lässt.

Sie spielt mit Sand, Knete, malt sich den ganzen Körper bunt an, wenn man sie lässt.

Und nicht zuletzt der Umgang mit Nahrungsmitteln.
Sie nimmt alles in den Mund. So richtig. "Versteckt" Häppchen im Mund. Sie holt sie zwar wieder heraus (vom eigentlichen Essen sind wir immer noch weit entfernt), aber vor wenigen Monaten noch hat nur der Gedanke an so etwas Würgereiz und Gebrüll bei ihr ausgelöst. Ganz zu schweigen davon, dass sie tatsächlich etwas in den Mund genommen hätte.
Sie benutzt nun endlich ihre Zähne, macht Abdrücke in Käse, Salami, Würstchen, Gummibärchen und und und. Vor wenigen Monaten noch ebenso undenkbar wie alles andere, was sich nur in der Nähe des Mundes abspielt.

Sie löffelt immer öfter Hühnersuppe, Gemüsebrühe oder ähnliches. Inzwischen dürfen sogar kleine Kräuterblättchen drin sein. Und die isst sie mit! Unfassbar. Aber wahr.

Die gesamte Situation zu Hause hat sich entspannt. Wir haben kein Geschrei mehr am Tisch, kein Geschrei mehr beim Baden, Zähneputzen, Anziehen, kaum noch hysterische Ausbrüche. Kein Würgen mehr, kein Kotzen mehr, die Nahrung wird nicht mehr durch die Gegend gepfeffert, es ist regelrecht harmonisch geworden.

Ein Zustand, den man gut auch noch ein paar Monate ertragen kann. Bis sie endlich isst.

Muss man es da tatsächlich übers Knie brechen, sie aus ihrer gewohnten, geliebten, sicheren Umgebung herausreißen und nach München ins große Unbekannte verpflanzen?

Wir denken nicht.
Wir bleiben hier.

Wir machen weiter Logopädie, Ergotherapie, Osteopathie, haben ganz viel Spaß zu Hause, im Kindergarten und mit unseren und ihren Freunden und geben ihr die Zeit, die sie so entspannt noch braucht.

Und sollte sich bis Ende des Jahres tatsächlich immer noch nichts getan haben (was keiner von uns und auch keiner der Therapeuten glaubt), dann können wir uns ja immer noch mit dem Thema "München" auseinandersetzen.

Ich hoffe, mein Bauchgefühl trügt mich dieses Mal nicht...

Kommentare:

  1. Hey du.
    ich habe noch nicht rausgefunden, was genau in München passieren soll (soweit konnte ich noch nicht zurücklesen....) aber das was du schreibst, klingt ganz nach einem RICHTIG. Sie macht große Fortschritte und, was auch immer in München sein soll, die fremde Umgehung etc. das kann sie arg zurückwerfen... von dem was ich bisher gelesen habe, seid ihr auf einem tollen Weg...

    Ich wünsche euch (denke aber) dass euer Bauchgefühl richtig ist!!!!

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  2. Ich dachte die letzten Tage auch so, warum soll es denn für euch noch nach München gehen? Gute Entscheidung!

    LG
    Elkes

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  3. Bauchgefühle sind meistens die richtigen!
    Und obwohl wir uns gar nicht kennen hatte ich irgendwie im Gefühl, dass du das mit München gar nicht mehr so fokussierst.
    Ich bin allerdings auch echt so ne kranke Empathie-Tante, die bei den richtigen Themen immer gleich alles fühlen kann.
    Sollte vielleicht mal über ne Karriere als Wahrsagerin nachdenken ;-)

    Jedenfalls, um noch mal ernsthaft was dazu zu sagen:
    Ich glaube, Bauchgefühl hin oder her, wenn Johanna solche Fortschritte macht und kleinste Veränderungen sie aus der Bahn bringen, dann wäre München sogar nicht nur "nicht das Richtige" sondern wahrscheinlich vorerst sogar total falsch weil es sie in ihrer momentanen, positiven Entwicklung zurück werfen würde.
    Ich finds gut!

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  4. Liebe Rebekka ! Höre auf Dein Bauchgefühl !!! Mein Linus hat die ersten Jahre nach der Diagnose( SI, Zöliakie ) auch nur Stück für Stück neue Dinge hinzugenommen ( beim Essen ), Ja! es hat Leute gegeben, die das komisch fanden, aber ich habe mich IMMER vor mein Kind gestellt. Heute ist Linus ein hochsozialer, junger Mann, bewirbt sich gerade um einen Studienplatz in freier Kunst und lebt vegan...!! Ihr schafft das schon !!!

    LG Gitta

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