Dienstag, 4. Dezember 2012

Rosarotes Wolkengedöns

Johannas SI-Therapeutin hat unsere Vermutung der totalen Reizüberflutung am Sonntag in allen Punkten bestätigt. Das ist doch toll, oder?
Bei all der Verunsicherung konkret in der Situation und - ich muss es einfach gestehen - dem absoluten Missverständnis versteht man doch - wenigstens im Nachhinein frei nach dem Motto "Besser spät als nie." - was da nun eigentlich geschehen ist mit Johanna in dem riesigen, lauten, hellen Gewühl des Weihnachtsmarktes.

Noch mal passiert uns so etwas sicherlich nicht, nun wissen wir, dass Madame (neuerdings) nicht mehr mit vielen Menschen, vielen Geräuschen und viel Licht umgehen kann. Beziehungsweise dass ihr Gehirn diese Reizflut nicht richtig verarbeiten kann.
Gut, wieder ein Stückchen schlauer.
Und etwas beruhigter, dass man doch nicht so ganz blind für die Bedürfnisse und Probleme des eigenen Kindes ist.

Leider beantwortet unsere Therapeutin nicht nur meine Fragen sehr gut und ausführlich, sie hat auch eine ganz tolle, realitätsliebende Art, mich aus meinen geheimen Träumereien auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen. 

Ihr lieben Therapeuten von Johanna K., solltet ihr gerade hier vorbeigestolpert sein, weil ihr mal wieder nach "sensorische Integration", "Wahrnehmungsstörung" oder ähnlichem gegoogelt habt, ein paar Worte in eigener Sache: 
Bitte lasst mich auf meiner rosaroten, wattigen Glaubenswolke sitzen. 
Die Glaubenswolke, die mir weismacht, dass meine Tochter irgendwann - natürlich nicht erst in zehn Jahren, sondern im besten Fall morgen - wach wird und sich Brot, Brötchen, Reis, Nudeln, Kartoffeln mit Soße, Gemüse, Fleisch, meinetwegen auch alle Süßigkeiten dieser Welt und überhaupt jedes feste Essen, das man sich vorstellen kann, zwischen die Zähne schiebt als hätte sie nie etwas anderes gemacht.
Ich möchte nicht hören, dass es unter Umständen noch sehr lange dauern kann, bis man deutliche Fortschritte im Essverhalten sehen wird. 
Ich möchte auch nicht hören, dass sie voraussichtlich erst in allen anderen mit Defiziten belegten Bereichen (taktile Geschichten, vestibuläre Geschichten) Schritte nach vorne machen wird, und dass das Essen aller Wahrscheinlichkeit nach zuletzt kommen wird. 
Und ich möchte überhaupt gar nicht hören, dass Johanna vermutlich immer das bleiben wird, was man einen "speziellen Esser" nennt, dass sie - wenn sie dann irgendwann feste Nahrung zu sich nimmt - trotzdem nur ausgewählte Speisen essen wird, dass man ihr auch dann noch lange nicht alles vorsetzen kann.

All das will ich wirklich nicht hören.
Vielmehr möchte ich meinen Traum leben. 
Meinen Traum vom alles essenden, nicht mäkelnden Kind. 
Meinen Traum vom "normalen" Familienleben.

Ich nenne es "die Hoffnung nicht aufgeben"
Klingt besser als völlig utopische Wahnvorstellung, oder?

Ich weiß, wie die Realität aussieht.
Ich verschließe nur gerne meine Augen vor ihr.
Also lasst mich noch ein bisschen schlafen.

Kommentare:

  1. Hallo Rebecca,

    ich kann mir gut vorstellen, welche Kraft es dich tagtäglich kostet ein Kind zu haben, dass "nicht der Norm entspricht". Ich entspreche auch nicht der Norm und kämpfe seit vielen Jahren gegen mein "Anderssein" an. Aber wer legt schon fest was die Norm ist ?? Meine Erfahrung ist, sobald ich es schaffe mein "Los" anzunehmen und nicht täglich damit zu hadern, dass es mir dann automatisch etwas besser geht. Leider ist meine Angsterkrankung so stark ausgeprägt und so lebenseinschränkend, dass es mir nur ab und zu gelingt mein Leben so anzunehmen wie es ist. Ich wünsche dir u. deiner Tochter sehr, dass sie bald "normal" zu essen beginnt u. sich alle anderen "Einschränkungen" baldigst in Luft auflösen, wenn nicht, versuche deine Tochter als etwas besonderes (im positiven Sinne) zu sehen und zu akzeptieren dass deine Tochter halt nicht 0815 ist u. es vielleicht auch lange nicht sein wird, aber alles hat seine 2 Seiten und du wirst es schaffen diese Herausforderung anzugehen. Die Bilder z.B. die du von deiner Kleinen gepostet hast find ich wirklich hammer.... Also immer Kopf hoch u. weitermachen.
    lg brigitte

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  2. Liebe Brigitte,
    eigentlich mag ich die Begriffe "Norm" und "normal" überhaupt gar nicht gerne, deshalb schreibe ich sie auch immer in Anführungszeichen, denn wie du schon richtig fragst: Wer legt die sogenannte Norm fest? Gerade im menschlichen Bereich. Johanna ist etwas ganz Besonderes, keine Frage, und auf ihre Weise ist sie in manchen Punkten sehr speziell, aber genau das macht sie auch aus, und ich liebe sie genau so, wie sie ist, und sie ist perfekt genau so, wie sie ist.
    Nur der Alltag - diese ganz einfachen Dinge, Selbstverständlichkeiten - ist manchmal so schwierig, nervig, holprig, dass ich mir mehr "Normalität" wünsche.
    Aufgeben gibt es nicht, und wir werden auch weiterhin alles meistern, was sich uns bietet.
    Liebe Grüße,
    Rebecca

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