Sonntag, 2. Dezember 2012

Reizüberflutung

Wie ist das eigentlich mit den Reizen und der Überflutung bei so einem kleinen Mädchen, das viele Reize gar nicht richtig verarbeiten kann?

Den meisten Menschen reicht sie als knapper laufender Meter gerade bis zur Hüfte, lediglich mit Gleichaltrigen trifft sich Johanna auf Augenhöhe. Kein Wunder in dem Alter, was will man da anderes erwarten?
Gerade in Menschenmengen ähnelt das wahrscheinlich beinahe dem Gefühl, das ein armer, angeleinter Hund in solchen Situationen haben muss: Überall nur Füße, Beine und Hintern.

Schiebt man sich mit sehr vielen Menschen in einem mehr oder weniger einheitlichen Strom vorwärts, dann ist man als Zwerg nicht nur eingepfercht zwischen Füßen, Beinen und Hintern, auch die Geräuschkulisse nimmt ein enormes Ausmaß an. Plappern, Lachen, Kreischen, Rufen und Schreien, weihnachtliche Musik aus den Lautsprechern, Becherklirren beim Anstoßen, Hundegebell, quietschende Kinder, Gebimmel am Kinderkarussell... die Liste ist endlos.
Und alles muss von dem kleinen, nicht ganz ausgereiften Gehirn verarbeitet werden.

Die Buden sind hell erleuchtet, es blinkt und funkelt, die Lichterketten sind über die Straßen gespannt, das Karussell und die Eisenbahn blitzen und glitzern, während sie vor sich hin bimmeln und rumpeln, und die Luft ist erfüllt von tausendundzwei Gerüchen.

Alles stürzt auf das arme, kleine Mädchen ein.
Füße, Beine und Hintern, unzählige Laute, Lichter und Nasenkitzler.
Und alles will verarbeitet sein.

So betrachtet ist es überhaupt kein Wunder, dass Johanna bereits nach wenigen Metern auf dem Weihnachtsmarkt Schutz in ihrem Buggy gesucht hat. Ihre kleine Sicherheitszone.
Doch so ein offenes Gefährt schützt natürlich nur bedingt.
Es prasselt weiterhin alles auf die Zwergin ein.

Wie schrecklich und beängstigend muss das alles für sie gewesen sein?
Und was für unsensible Eltern nehmen sie mit auf den Weihnachtsmarkt?

Natürlich ist ab einem bestimmten Punkt alles zu viel, so dass Johanna nur noch flüchten will. Ihr Gehirn kann einfach nicht alles verarbeiten, was es vorgesetzt bekommt, also ist irgendwann Schicht im Schacht und es wird nur noch geweint.

Zu meiner Verteidigung kann ich sagen: Bisher hatten wir mit solchen Dingen eigentlich keine großartigen Probleme. Dass sie sich nicht besonders zu Menschenmassen hingezogen fühlt, das ist uns zwar aufgefallen, aber so extrem hat sie nie reagiert, auch nicht auf anderen Weihnachtsmärkten, die wir in den Jahren zuvor besucht haben.
Wir hatten und haben Probleme im taktilen Bereich. Also beim Anfassen und Berühren von bestimmten Dingen. Vom Essen natürlich ganz zu schweigen.
Aber eine so umfassende Reizüberflutung (ich diagnostiziere ihr Verhalten nun einfach mal als das Ergebnis einer solchen) durch Menschen, Geräusche und Licht hat es bis heute nicht gegeben.

Ich werde sensibler an solche Gelegenheiten herangehen müssen, und ich werde den Vorfall definitiv mit unseren Therapeuten besprechen.

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