Donnerstag, 6. Dezember 2012

Manchmal...

Es gibt Momente, da möchte ich mein über alles geliebtes Kind an die Wand klatschen.

Wie damals in der Nachsorge meine Hebamme schon sagte: Mit Hass an die Wand geschmissen, mit Liebe wieder abgekratzt.

Vor allem, wenn Johanna müde ist (also in der Regel abends), kippt ihre Laune innerhalb von Sekundenbruchteilen vom einen ins andere Extrem. Gerade noch himmelhochjauchzend, im nächsten Moment zu Tode betrübt. Oder vielmehr bis kurz vor der Explosion mit Wut angereichert.
Diese Unberechenbarkeit macht es überaus interessant, verleiht dem Ganzen eine tolle Würze, allerdings kann ich darauf allzu oft leicht verzichten.

Besonders merkt man es, wenn man sie bettfertig machen möchte, und da ganz speziell beim Umziehen. Schlagartig wird sie völlig hysterisch, kreischt in einer Lautstärke, dass die Wände bersten, verkrampft am ganzen Körper und will sich ums Verrecken nicht ausziehen lassen.
Mir scheint, in solchen Momenten erträgt sie es nicht, stellenweise (also Arme und Beine) unbekleidet zu sein.
Ich hatte mich darüber in anderem Zusammenhang schon mit unserer Ergotherapeutin unterhalten, die mich darüber aufklärte, dass Kinder mit einer Wahrnehmungsstörung oftmals auch ein Problem mit dem Nacktsein haben, was wiederum völlig untypisch ist für Säuglinge und Kleinkinder.
Das würde auch erklären, wieso Madame nicht mit nacktem Hintern auf ein Töpfchen oder die Toilette zu bewegen ist (bekleidet gar kein Problem), was uns natürlich ein mögliches Trockenwerden erheblich erschwert beziehungsweise bis jetzt unmöglich macht. Aber das ist ein ganz anderes Thema.

Sie verschränkte nun jedenfalls ihre Ärmchen ganz dicht am Körper und kreischte mir ohne Unterlass ins Ohr. Es ist sehr erstaunlich, was für eine Kraft so ein kleines, zartes, dreijähriges Mädchen entwickeln kann. Minutenlang kämpften wir um die Herrschaft über die Ärmel, begleitet von einer völlig übersteigerten Hysterie ihrerseits, was wiederum zu einer völlig übersteigerten Genervtheit meinerseits führte.
Endlich hatte ich den ersten Kampf gewonnen (ich bin eben doch stärker), da verkrampften sich ihre Händchen auch schon in ihrer Hose und versuchten, diese um jeden Preis am Körper zu halten.
Inzwischen schwitzten wir beide.

Auch den Hosenkampf beendete ich schließlich als Sieger, das anschließende Schlafanzug-Anziehen hingegen war beinahe ein Klacks.

Solche Kämpfe gibt es immer mal wieder zwischen uns. Situationen, in denen Johanna völlig "austickt" (ich nenne es nun uncharmanterweise einfach mal so). Situationen, in denen ich mich wahrscheinlich grundverkehrt verhalte.
Das Problem daran ist, dass sie dann tatsächlich völlig entrückt ist, nicht mehr erreichbar. Ansprechen nutzt gar nichts, das registriert Johanna überhaupt nicht. Sie einfach links liegen lassen kann ich dann aber auch nicht (obwohl ich wahrscheinlich genau das machen müsste), und somit endet es im Kräftemessen.

Sehr nervig, sehr kräfteraubend, sehr verzichtbar.
Vielleicht sollte ich es wirklich mal mit Ignoranz versuchen.
Ich schätze, wenn unsere zukünftigen Münchner Therapeuten sowas auf Video sehen würden (und die arbeiten da in der Klinik viel mit Videoanalyse, soviel weiß ich schon), dann würden sie wahrscheinlich die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und mich erst mal ins Gebet nehmen, um mein Verhalten zu optimieren.
Schaden kann es sicher nicht.

Aber dem kann ich ja zuvor kommen, indem ich selber eine andere Strategie fahre.
Vielleicht.

Kommentare:

  1. Grüss dich,
    seit gestern verfolge ich (wie du vllt schon gesehen hast ^^) deinen Blog, nachdem ich gestern im Blog-Zug drüber gestolpert bin. Lange hab ich gestöbbert, dann hab ich einfach gedacht... verfolgen. Punkt, wenn man solang hängen bleibt, muss das. :o)

    Hast dus schonmal versucht mit der Ankündigung "So, Zeit fürs Bettchen, ziehst du dich schonmal aus und den Schlafanzug an?" also das sie sich selbst auszieht zum Bett fertig machen.
    Kommt natürlich drauf an wie ihrs mitn waschen macht, abends... früh... macht ja jeder anders.
    Ich glaube mit diesem körperlichen Kräftemessen ist es immer wieder eine negative Erfahrung für sie und für dich auch. :o(

    Will dir nicht rein reden, oder altklug daherkommen oder so, fällt mir nur ein.
    Ich studier Bildung und Erziehung und find dein Blog deswegen auch sehr interessant. ^^

    lg
    zelakram.blogspot.com

    AntwortenLöschen
  2. Hi Zela,

    zunächst mal willkommen hier! :)
    Ich sehe es genauso: Kräftemessen = Negativerfahrung. Für sie und für mich. Die Initiative ihr zu übertragen (im Sinne von "geh dich schon mal umziehen", wie du sagst) habe ich bereits mehrfach versucht, funktioniert leider bislang überhaupt nicht, weil sie da schon völlig auf stur und teilweise hysterisch schaltet.
    Für mich ist es in solchen Situationen oftmals auch relativ schwierig zu unterscheiden, ob es nun normales Trotzverhalten ist (damit kann ich nämlich eigentlich ziemlich gut umgehen) oder ob es sich um Verhalten aufgrund ihrer Störung handelt, damit muss man dann ja noch mal ganz anders umgehen.
    Alles nicht so einfach.

    Ich danke dir jedenfalls für deinen Kommentar, und du kommst sicher nicht altklug oder so daher. Ich bin ja froh über Austausch. Nicht zuletzt deshalb schreibe ich hier ja auch. ;o)

    Liebe Grüße,
    Rebecca

    AntwortenLöschen
  3. Hi Rebecca,

    hier kommt die Fördertussi ;-). Mir fällt spontan ein, vielleicht eine Routine nach dem TEACCH-Programm einzuführen. TEACCH wird eigentlich für Menschen mit Autismus/autistischen Zügen genutzt, um Abläufe überschaubarer zu strukturieren, ist aber eigentlich für alle von Nutzen. Für deine Tochter würde das bedeuten, dass ihr langsam anbahnen könnt, dass sie die Umziehsituation auch positiv verknüpft, genau weiß, was passiert, wo, mit wem, wie lange es dauert usw. - und damit meine ich nicht nur "klar weiß sie das, sie erlebt es ja täglich", sondern dass es für sie möglichst umfassend ist - z.B. nur in einer bestimmten Ecke im Zimmer stattfindet (die auch für nichts anderes genutzt wird, also keine Doppelrolle bekommt), dass ihr eine 3-5Min.-Sanduhr aufstellt, auf der Johanna die Zeit der unerträglichen Handlung ablaufen sehen kann, etc.
    Eine genauere Erklärung lässt sich leider nicht in einen Kommentar quetschen, aber wenn du noch ein paar Tage Geduld hättest, schreibe ich dir gerne ein bisschen was dazu. Ich muss nur vorher noch meine Examensarbeit fertigstellen und abgeben.. *Schweißausbruch*

    Ganz liebe Grüße!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hi Ederlezi,

      das klingt sehr interessant! Werd schon mal Google bemühen, aber warte gerne auch noch auf nähere Ausführungen. Geduld habe ich, kümmer dich erst mal ums Examen! :)

      Gruß,
      Rebecca

      Löschen
  4. Hi Rebecca,

    jetzt nicht mehr anonym sondern angemeldet anständig wie sich das so gehört :o)
    Was passiert wenn dein Mann diesen Job übernimmt reagiert sie dann genauso ??

    lg brigitte

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hi Brigitte,

      mein Mann kann den Job leider nicht übernehmen, weil sie sich von ihm in der Regel abends, wenns darum geht, dass es ins Bett geht, gar nicht anfassen lässt. Da geht meist nur Mama. Zwingt man sie quasi dazu, mit Papa Vorlieb nehmen zu müssen, wird sie ebenfalls hysterisch.
      Natürlich gibt es Ausnahmen, also Tage, an denen doch mein Mann den Job machen kann (ist wohl tagesformabhängig), aber diese Tage sind extrem selten.
      Ich würde gerne viel öfter Jobs an ihn abgeben, aber das lässt Johanna leider nur selten zu.
      Immer mal wieder ignorieren wir ihren Widerstand, dann MUSS sie sich mit Papa begnügen, aber wegen jeder Kleinigkeit so ne Hysterie muss man irgendwann einfach nicht mehr haben, erträgt man auch nicht, und dann nimmt man es hin, wie es ist...

      Gruß,
      Rebecca

      Löschen