Montag, 31. Dezember 2012

Ein etwas anderer Jahresrückblick

Gerade mit und durch Johanna ist viel passiert im Jahre 2012.
Legen wir los:

Januar
Ich freue mich einen Tag vor meinem Geburtstag darüber, inzwischen insgesamt 30kg abgenommen zu haben. Johannas Problematik und die damit verbundenen Alltagssituationen spitzen sich hingegen immer mehr zu. Essen, Baden, diverse andere banale Dinge werden zum Kampf. Nerven liegen blank.

Februar
Wir müssen uns von unserer langjährigen Begleiterin Shira trennen. Von Anfang an gab es Probleme, seit Johanna auf der Welt war. Eifersüchteleien, Angriffe etc. Wir haben es etwas über zwei Jahre lang versucht, ihr schwieriges Verhalten geduldet, uns bemüht, dem entgegenzuwirken, aber es wurde im Laufe der Zeit nur schlimmer. Shira wurde immer angriffslustiger, weder wir noch - und das war das allerschlimmste - Johanna waren sicher vor ihren Krallen und Zähnen. Ich habe gelitten, es tut mir heute noch weh, aber ich musste zum Wohle Johannas eine Entscheidung treffen. 


März
Johannas Problematik eskaliert. Nach einer leichten Erkältung verweigert sie ab sonntags jegliches Essen und Trinken. Dienstagmorgen wird sie ins Krankenhaus eingewiesen. Nicht mehr ansprechbar, völlig apathisch hängt mein lebloses Kind am Tropf, während ich sie weinend auf dem Arm habe. Ich bin inzwischen völlig verzweifelt, werde zudem noch doof angeguckt im Krankenhaus, als ich Bescheid gebe, dass man ihr Brei zubereiten möge, wenn sie denn irgendwann wieder etwas essen wolle. Ärzte und Schwestern kennen sich mit der Problematik nicht aus, sind überfordert, einzelne stellen mich als unfähige Mutter hin. Ich bin froh, als es Johanna nach einigen Tagen endlich besser geht, sie wieder isst, und wir nach Hause dürfen.


April
Konsequenz der Essenseskalation: Einweisung in die Uniklinik Köln. 
Erneut eine Woche Krankenhaus mit Untersuchungen und Gedöns, Johanna ist langsam regelrecht traumatisiert. Nach Gesprächen mit zahlreichen Spezialisten endlich, endlich, endlich eine umfassende Diagnose: sensorische Integrationsstörung (taktile Hypersensibilität), Interaktionsstörung (Schwerpunkt Essstörung). Endlich habe ich Begriffe für das, was mein Kind hat. Weiß, woher es kommt, verstehe, was mit ihr passiert in konkreten Situationen und und und.
Endlich!

Mai
Wir fahren regelmäßig nach Köln zu Terminen mit unserer Kinderpsychologin, eine umfassende Entwicklungsdiagnostik durch die Ergotherapeutin erfolgt. Viel Fahrerei, aber endlich fühlen wir uns verstanden und gut aufgehoben. Ich lerne Taktiken für problematische Situationen zu Hause, speziell für den Essensterror.
Ärgere mich nebenbei, dass nach einer gesamten Gewichtsreduktion von knapp 40kg es nun nicht mehr weitergeht, seit wir durch die Krankenhäuser ziehen. Habe keinen Kopf mehr für mich selber und meine Abnehmerei.

Juni
Ruhiger Monat. Der Alltag entspannt sich zusehends dank unserer ganzen Therapeuten. Johanna isst zwar immer noch nichts außer Grießbrei und Joghurt, aber der tägliche Kampf beim und ums Essen reduziert sich deutlich.

Juli
Es wird heiß, Baby.
Johanna spielt zum ersten Mal in ihrem fast dreijährigen Leben mit Sand.


Johanna setzt sich zum ersten Mal in ihrem fast dreijährigen Leben in ein Planschbecken und hat sogar Spaß dabei.


Und ganz nebenbei stellen wir fest, dass Pampers wirklich unfassbar viel Flüssigkeit aufnehmen können. Man beachte den Hintern.


August
Johanna startet problemlos in ihre Zeit als Kindergartenkind. Unsere Hoffnungen, dass sie in der Gruppe anfängt, "normal" zu essen zerschlagen sich allerdings relativ zügig. Stattdessen kann man vermehrt eine ganze Gruppe Kleinkinder beobachten, die die Narungsmittel nur noch anleckt, statt sie zu verspeisen. Auch Grießbrei steht plötzlich bei allen Kindern aus Johannas Gruppe wieder ganz hoch im Kurs.
Auf gut Deutsch: Ein Satz mit X. 
Wir bleiben bei Grießbrei und Joghurt.

September
Johanna ist so richtig im Kindergarten angekommen. Hat sogar schon ihre Mädchengang, bestehend aus vier kleinen Mädels. Zuckersüß!
Insgesamt ein sehr ruhiger Monat.
Immer noch Grießbrei und Vanillejoghurt.

Oktober
In Absprache mit heimischem Kinderarzt, Kinderpsychologin und Ergotherapeutin aus Köln, heimischer Logopädin stehen wir nun nach ausführlichem Erstgespräch mit dortiger Oberärztin auf der Warteliste fürs Kinderzentrum München. Mehrwöchige, stationäre Essverhaltens- und alles-drum-herum-Therapie. Zum Glück lässt sich solch eine spontane, mehrwöchige Abwesenheit mit meinem Job vereinbaren. Bin hin- und hergerissen zwischen "ich will nicht so lange von zu Hause fort, wie soll das nur alles werden?" und "endlich umfassende, vermutlich (hoffentlich) fruchtende rund-um-die-Uhr-Therapie!".
Meine an Alzheimer erkrankte Oma verstirbt Ende des Monats im Altenzentrum.

November
Johanna wird 3 Jahre alt.
Sie isst nichts von ihrem Geburtstagskuchen (darauf hatte ich beim letztjährigen Geburtstag so gehofft). Wir sind immer noch bei Grießbrei und Vanillejoghurt.
Konnte eine erneute Diagnostik bei der Ergotherapeutin in Köln durchsetzen und haben endlich eine SI-Therapie hier vor Ort verschrieben bekommen.
Habe außerdem meine Fühler Richtung Osteopathie ausgestreckt.


Dezember
Osteopathie, Ergotherapie und alles andere, was wir die letzten knapp eineinhalb Jahre so machen und versuchen, scheinen Früchte zu tragen.
Johanna traut sich das erste Mal in ihrem Leben auf ein Karussell. Unfassbar.
Noch unfassbarer: Johanna isst an Heiligabend Hühnersuppe. Ohne Stückchen. Unser Weihnachtswunder.
Grundsätzlich sind wir aber immer noch bei Grießbrei und Vanillejoghurt.
Doch man sieht deutliche Tendenzen in die richtige Richtung, und wir sehen voller Hoffnung in das neue Jahr und speziell auf die Therapie in München, die uns wohl direkt im Januar erwarten wird.


Bleibt mir nur noch zu sagen: 
Euch allen einen guten Übergang ins Jahr 2013.
Wir sehen uns nächstes Jahr an gleicher Stelle wieder. 

Kommentare:

  1. Hatte leider nicht die Zeit alles zu lesen da ich gleich weg muss, aber den Januar und Februar habe ich geschafft.

    Erstmal herzlichen Glückwunsch zu dieser enormen Gewichtsreduktion !!! Ich habe selbst (hohes!) Übergewicht und kämpfe schon mein Leben lang vergeblich dagegen an. Ich weiß wie schwer das ist!!!

    Meine beiden Katzen musste ich vor ein paar Jahren ebenfalls ins Tierheim geben. (Ich vermute mal das Shira ins Tierheim ging?)
    Ich litt jahrelang und machte mir schreckliche Vorwürfe. Es ist nie leicht sich zwischen zweien die man liebt zu entscheiden.

    Liebe Grüße und einen guten Rutsch
    Nadine
    von New Fantasy

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    1. Hallo Nadine,
      erst mal herzlich Willkommen auf meinem Blog. :) Ich freue mich, dass ich dich zu meinen Lesern zählen darf. ;o)

      Das mit dem Gewicht ist echt ne Qual. Wenn du die Monate weiterliest, wirst du sehen, dass es nicht so toll weitergegangen ist. Werde nun, wenn sich Johannas Geschichte weiter entspannt hat versuchen, den Anschluss zu finden und wieder abzunehmen.
      Wieso hab ich nicht den Stoffwechsel meines Mannes? Der isst und isst und isst und hat kein Gramm Fett am Körper. Gemein. :(

      Shira mussten wir tatsächlich ins Tierheim geben, weil wir selber einfach kein neues Heim gefunden haben. Hatte es sogar über den Tierschutzbund versucht, aber so eine Kratzbürste möchte kaum jemand. Erfreulicherweise wurde sie im Tierheim innerhalb von Wochen neu vermittelt. Ich hoffe nur, sie hat es dort nun gut. Daran denke ich immer noch sehr, sehr oft.

      Ich wünsche dir ein frohes, neues Jahr!
      Gruß,
      Rebecca

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  2. Hallo Rebecca, wünsche euch ein schönes Neues Jahr.

    LG
    Elke

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    1. Vielen Dank. Besser spät als nie wünsche ich dir ein ebensolches. :)

      Gruß,
      Rebecca

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  3. Dein Jahresrückblick klingt sehr bewegend. Ich wünsche dir, dass es in diesem Jahr bergauf (und mit deinem Gewicht wie gewünscht bergab) geht.

    Ich werd jetzt öfter mal vorbei schauen bei dir.

    Liebe Grüße
    Saro

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    1. Bewegend trifft es wohl ziemlich gut, ja. :)
      Danke für deine guten Wünsche, ich hoffe in allem auf das Beste.

      Liebe Grüße,
      Rebecca

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