Freitag, 16. November 2012

Specky

Darf ich vorstellen: Specky.

Specky ist mein Alter Ego, ein kleines, dickes Mädchen, das sich irgendwo in meinem Körper - vermutlich im Kopf - im wahrsten Sinne des Wortes breit gemacht hat, und mich immer genau dann auf perfideste Art und Weise manipuliert, wenn ich mal gerade nicht so genau weiß, in welche Richtung ich gehen soll.
Ich vermute ja, Specky hat sich in meinem Gehirn eine riesige, perfekt funktionierende Schaltzentrale aufgebaut, und in dieser hockt sie vor ihren Monitoren, begutachtet das Geschehen draußen, und sobald sich Schwierigkeiten auftun, muss sie nur auf den großen, roten Knopf hauen. 

Speckys Allheilmittel ist das Essen.
Wann immer es schwierig wird, greift Specky zu Kaubarem. Erst mal was zwischen die Kiemen, dann lösen sich die Probleme ganz von alleine. 
Und genau so bringt Specky aus ihrer Schaltzentrale in meinem Gehirn heraus mich dazu, Essen in mich reinzustopfen, wenn es nötig wird, irgendwas zu kompensieren. 
Das war schon immer so, und ich befürchte, das wird auch - in einem gewissen Rahmen, den ich allerdings erst mal wieder neu stecken muss - immer so bleiben.
Wie bei jeder anderen Sucht auch.
Einmal süchtig, immer süchtig.

Der Unterschied ist nur: Jeder anderen Droge kann man komplett entsagen, wenn man denn will und die richtigen Helfer an seiner Seite hat. Dem Essen hingegen nicht. Hier muss man vielmehr den gesunden Umgang mit seiner Droge lernen, Essen komplett aus dem Leben verbannen funktioniert nicht wirklich, es sei denn, man will auch sich selber komplett aus dem Leben verbannen. Und wer will das schon?
Ich jedenfalls nicht.

Wie aber lerne ich, Specky zu kontrollieren? 
Eine ganze Weile lang hat es wirklich funktioniert.
Damals - vor rund 10 Jahren - marschierte ich mehr oder weniger fröhlich einmal pro Woche zu meiner Therapeutin und unterhielt mich mit ihr darüber, wie und warum mich das Essen kontrolliert, wie und warum ich hingegen meinen Körper und die Esserei kontrolliere und warum Kotzen ein ganz schlechter Weg ist.
Zwei Jahre hats gedauert, dann war die damalige Essstörung Geschichte. Jedenfalls haben wir das gedacht.
Wahrlich - gekotzt habe ich nicht mehr. 
Aber Specky war immer noch da. 
Und meine Art der Problemlösung hatte sich nicht wirklich verbessert. 
Wurde es kritisch, aß ich. Ich behielt es lediglich drin. Das aber hatte natürlich irgendwann den Effekt, dass ich immer mehr wurde. Und immer trauriger. 
Und irgendwann wurde aus der Traurigkeit Depression. 
Eine dicke, depressive junge Frau. 
Perfekte Kombi für ein erfolgreiches und erfülltes Leben. 

Jahre später ein erneuter Therapieversuch, allerdings stimmte die Chemie mit dem Therapeuten überhaupt gar nicht, und somit brach ich den Versuch ebenso schnell wieder ab wie ich ihn gestartet hatte. 
Irgendwie bekam ich mich selber in den Griff, verlor Gewicht, und mit jedem geschwundenen Kilo nahm die Lebensfreude wieder zu. Irgendwann - 60kg später - war ich tatsächlich schlank. Und glücklich. 
Nun würde ich nie wieder dick werden, sagte ich in vollstem Brustton der Überzeugung. 

Mit dem Selbstbewußtsein kam der Mann. 
Die Beziehung zu meinem - inzwischen - Ehemann nahm andere, intensivere Formen an, gemeinsames Ausgehen, gemeinsames Kochen, gemeinsames Essen, und nach und nach schlich sich klammheimlich Kilo um Kilo wieder auf meine Rippen. Alles noch in einem vertretbaren Rahmen, ich wurde nicht schlagartig wieder fett, und außerdem hat man das ja alles problemlos im Griff. 
Das eine Kilogramm nimmt man quasi über Nacht wieder ab. Und das andere, das noch dazugekommen war, auch. Und die folgenden fünf Kilos ebenfalls. Und so weiter und so fort. Man kann sich auch alles schönreden. 

An dieser Stelle möchte ich mal anmerken: 
Es ist eine unglaubliche Gemeinheit des Schicksals - wenn man an Schicksal glauben mag - dass ausgerechnet ich - die Frau mit Specky im Hirn, die Frau, die nur beim Gang durch den Supermarkt 5 Kilo Fett auf den Hüften ansammelt - in einem Menschen, der abends zwei Pizzen, drei Tafeln Schokolade, Chips und Eis verdrücken kann, ohne auch nur ein Gramm zuzunehmen (mal ganz zu schweigen davon, dass ich auch in meiner tiefsten Phase der Essstörung solche Mengen nicht hätte bei mir behalten können, selbst wenn ich gewollt hätte) den Mann fürs Leben gefunden habe. 
Dass er ein Strich in der Landschaft ist und bei starkem Gegenwind Gefahr läuft, umgepustet zu werden, muss ich wohl nicht extra erwähnen. 
Wo die Liebe hinfällt... aber das nur am Rande. 

Ich wurde irgendwann schwanger. Gott sei Dank! Nun durfte ich ganz legitim zunehmen. Ich musste ja für Zwei essen! Welch ein Segen. 
Nach der Schwangerschaft gingen die Probleme dann richtig los. 
Da ich sowieso zu Melancholie neige war die Wochenbettdepression natürlich nicht weit, und im späteren Verlauf stellten sich immer massiver Johannas Probleme ein. 
Ganz viel Grund zum Kompensieren! Und wie war das noch gleich? 
Ich kompensiere, indem ich esse. Danke, Specky! 

So, wo stehen wir jetzt? 
Ich bin dick. Jawoll. 

Johanna hat immer noch ihre Wahrnehmungsstörung und ihre Essstörung.  
(Welch Ironie eigentlich, oder? Essgestörte Mama bekommt essgestörtes Kind, und es hat nichts mit Vererbung zu tun!) 
Mein Mann ist dünn. Sehr dünn. 
Und isst mir einen vor. Das wurmt mich richtig. 
Ich will auch essen können, ohne dick zu werden. Aber nö, ist nicht. 

Was machen wir? 
Abnehmen. 

Wie? 
Keine Ahnung. 

Wann immer es Probleme welcher Art auch immer mit oder bezüglich Johanna gibt (oder wie auch immer geartete andere Probleme, aber die sind zum Glück sehr rar gesät), greife ich zu meinem Tröster. 
Ich hatte es eine ganze Weile im Griff, aber seitdem diese Probleme so massiv unser Leben bestimmen, ist mein eigenes Verhalten wieder völlig aus den Fugen geraten. 
Einen Therapeuten finde ich im Moment nicht. Die haben vorweihnachtliche Hochkonjunktur. 

Was also soll ich machen? Ich glaube, ich werde zunächst mal damit anfangen, meinen Essfrust niederzuschreiben
Hat kein Therapeut Zeit für mich, werde ich eben mein eigener Therapeut. 
Hat zwar in den seltensten Fällen funktioniert, aber Wunder geschehen immer wieder. 

Wir werden mal sehen, ob die Schreiberei auch dieses Problem lösen kann...

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen