Donnerstag, 22. November 2012

Schreib!

Damals, als ich noch jung und unverbraucht war, besuchte ich als unbedarfte Studentin die Uni in dem Bemühen, mir Germanistik und noch ein bißchen anderes Zeug anzueignen. 
Auf Magister - damals gab es den noch, so lang ist es schon her.
Lehramt wäre für mich nie in Frage gekommen. Zum allergrößten Glück jeden Schülers, der mir eventuell in die Finger hätte geraten können. 
Pädagogisch ungeeignet, so würde ich mich selber bezeichnen. 
Aber das nur am Rande.

Jedenfalls besuchte ich zu der Zeit auch - neben vielen anderen Seminaren - ein Seminar zum Thema "Kreatives Schreiben". Genau das richtige für mich. 
Besonders hängen geblieben ist eine Übung, um den Schreibfluss überhaupt erst mal in Gang zu setzen. Morgens, direkt nach dem Wachwerden, schnappe man sich Stift und Papier und schreibe 10 Minuten ohne Absetzen und am besten auch, ohne großartig nachzudenken. 
Die Worte einfach fließen lassen. 
Direkt nach dem Wachwerden deshalb, weil man noch mit keinem Medium in Kontakt gekommen ist, die Gedanken also unbeeinflusst vom Tagesgeschehen der Welt sind.
10 Minuten lang Buchstaben aufs Papier fließen lassen, ganz gleich, welche Buchstaben, nur Worte sollten sie ergeben. Und die Worte wiederum sollten irgendwelche sinnvollen Sätze ergeben. 
Kauderwelsch also bitte zu Hause im Kopf lassen. 
Abgesehen davon ist es völlig egal, was man schreibt. Hauptsache, man schreibt. 
Und wenn einem so rein gar nichts einfallen will, dann schreibt man eben, dass einem gerade so rein gar nichts einfallen will und dass das ganz schön doof ist, denn eigentlich möchte man ja irgendwann einmal - früher oder später - ein großer Schriftsteller sein (oder ein kleiner), und was für ein Schriftsteller wäre man denn, wenn einem keine Worte einfallen würden? 
Kein großer, so viel ist sicher.

Diese Übung ist toll.
Ich habe sie immer gemocht, wenngleich es anfangs ein ziemlicher Angang war, sich morgens - der Schlafdreck klebt noch in den Augenwinkeln - hinzusetzen und zwischen lediglich halb geöffneten Augen hindurch irgendwas aufs Papier zu schmieren.
Alles Gewöhnungssache.
Und man kommt wirklich in Fluss über die Zeit.
Auch das dauert zwar ne Weile, aber je länger und regelmäßiger man diese Übung praktiziert, desto einfacher und ungezwungener kommen die Worte aus einem heraus.

Vielleicht sollte ich das gedankenlose Schreiben wieder zu festem Bestandteil meines Morgens machen.
Gut, ich müßte dafür noch früher aufstehen als ich mich sowieso schon aus dem Bett quälen muss, seitdem die Madame in den Kindergarten geht, und das ist gerade für einen Morgenmuffel wie mich wirklich eine Qual. Von meinen Mitmenschen wage ich gar nicht erst zu reden. Die Armen.
Aber letztendlich geht es ums Schreiben. 
Um meinen - so pathetisch es auch klingen mag - Lebensinhalt. 
Mehr oder weniger. 
Meine Familie steht über allem, das ist klar. Aber direkt danach kommt die Schreiberei.
Ich war immer Schreiberling, ich bin Schreiberling (irgendwo, irgendwie, irgendwann), und ich werde immer Schreiberling sein. Ob nun erfolgreich oder nicht sei mal dahingestellt. Und ob irgendwer mein Geschreibe lesen möchte, darüber mache ich mir jetzt akut auch noch keine Gedanken, das zeigt die Zeit.

Eine weitere Übung aus dem Seminar kommt mir gerade in den Sinn: 
Das bewußte Begreifen und Beschreiben von Gegenständen.
Damals spazierte eine Horde bekloppt aussehender Studenten - ich mittendrin - zur Primetime über den Campus, begutachtete, befühlte, betastete, untersuchte, roch und lauschte an Laternenpfählen, Geländern, den Steinen auf dem Boden, Gras und Tümpel in der Umgebung und allen möglichen und unmöglichen anderen Gegenständen um uns herum. Dass wir nichts angeleckt haben war das einzige, was fehlte an Sinneserfahrungen. Angeregt tauschten wir uns aus über die unterschiedlichsten Möglichkeiten, den einen Laternenpfahl zu beschreiben und was für Synonyme es für "grau" und "rau" geben könnte, während sich diejenigen Studenten, die nicht zum Seminar gehörten, doch ziemlich augenscheinlich über uns amüsierten.
Das allerdings war völlig egal, denn wir erlebten dort gerade einen Aha-Moment, eine Schärfung der Wahrnehmung, um die uns jeder beneiden würde.

Was ist davon nun - 10 Jahre später - übrig geblieben?
Nicht allzu viel, fürchte ich.
Meine Sinne wurden im Laufe der Jahre entschärft.
Meine Sprache ist schwammig geworden. Viel zu oft ertappe ich mich dabei, wie ich Füllwörter verwende und lösche sie sofort beschämt.

Vielleicht sollte ich in meinen wenigen ganz freien Stündchen mal wieder raus an die Laternenpfähle gehen und mir Synonyme für "grau" und "rau" überlegen, während ich gleichzeitig darüber nachdenke, wie sich dieser Pfahl eigentlich anhört, wenn ich dagegen klopfe.
Und morgens nach dem Aufwachen schreibe ich darüber.
Oder über irgendwas anderes.
Hauptsache, ich schreibe.

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