Freitag, 16. November 2012

perfectamente

Ich mag Spanisch.
Ich kann die Sprache so auf Anhieb nicht mehr sprechen, auch wenn ich sie damals im letzten Jahrtausend einige Jahre lang in der Schule gelernt habe, aber würde man mich jetzt in Barcelona  oder Madrid oder aufm platten, spanischen Land aussetzen, würde ich innerhalb von ein paar Tagen wohl wieder zurechtkommen. Irgendwie.
Aber egal. Das nur nebenbei.

Ich bin eine kleine Perfektionistin, muss ich gestehen.
Ich habe nun eine gefühlte Ewigkeit, mindestens aber drei Tage, am perfekten Blog-Layout gefeilt (das Bild da oben drüber hat mich bald in den Wahnsinn getrieben), und ich bin mittlerweile wenigstens so weit, dass ich das Ganze erst mal so stehen lassen kann. 
Wenn es natürlich auch Universen von "perfekt" entfernt ist.

Dieser Hang zum Perfektionismus ist es vermutlich auch, der mir die Geschichte mit Johanna viel schwerer macht, als sie sein müsste.
Ja, mein Kind isst nicht normal.
Ja, mein Kind hat eine Essstörung.
Ja, mein Kind ist anders als die meisten anderen Kinder.

Ums nebenbei an dieser Stelle mal ganz klar zu sagen: Johanna ist nicht behindert im "klassischen Sinne", sie ist motorisch, sprachlich, intellektuell extrem gut und weit entwickelt, sie hat nur dieses kleine Handicap mit der Körperwahrnehmung, was sie daran hindert, feste Nahrung zu sich zu nehmen.
Manchmal frage ich mich deshalb auch, was eigentlich so schlimm ist. Johanna ist weder körperlich noch geistig behindert, wir haben keine schweren OPs vor oder hinter uns wie so viele andere Familien, wir müssen uns nicht mit behindertengerechtem Umbau der Wohnung/des Hauses rumschlagen und und und.
Johanna isst einfach nur nicht.

Wenn wir dann aber wieder mal akut in solch einer Situation stecken, das Kind seit Stunden brüllt, das Essen durch die Gegend pfeffert, um sich schlägt und tritt, randaliert, würgt und erbricht, dann denke ich mir: Scheiss auf die anderen. Das IST schlimm!
Und es war auch schlimm, als ich mit Johanna im Krankenhaus war, weil sie aufgrund kompletter Nahrungs- und Flüssigkeitsverweigerung völlig ausgetrocknet war. 
Es war schlimm, als ich mein apathisches, nicht ansprechbares Kind wie tot auf dem Arm hatte, während die Flüssigkeit durch den Schlauch in ihren Körper tropfte. Drei Tage dauerte es, bis sie sich wieder so weit erholt hatte, dass sie aufstehen und rumlaufen konnte. 
In den drei Tagen habe ich viele Tränen vergossen. Tränen der Verzweiflung, der Angst und der Wut.

Aber halt... wo war ich? Beim Perfektionismus.
Ja, mein Hang zum Perfekten, der lässt mich die Fehler bei mir suchen, auch wenn ich gar keine Schuld habe am großen Ganzen. Mein Verstand weiß das, der Rest von mir nicht.
Akut bedrohlich ist die Situation schon seit einer Weile nicht mehr. Johanna verhungert nicht. Sie isst Grießbrei und ab und zu Joghurt. Morgens, mittags, abends Grießbrei. Nichts anderes. Aber sie isst wenigstens irgendwas. Der Rest kommt mit Hilfe diverser Therapien, die wir machen, früher oder später von alleine... sagt man. Ich habe ab und zu noch meine Zweifel, aber das ist ein anderes Thema.
Jedenfalls läuft inzwischen meistens alles relativ rund. Aussetzer gibt es immer mal, ob nun beim Essen oder in irgendeiner anderen Situation, die etwas mit Wahrnehmung zu tun hat. Johanna ist eben anders. Aber prinzipiell könnte ich das alles einfach so laufen und die Therapien ihre Wirkung zeigen lassen. 
Das geht aber nicht konform mit meinem Perfektionismus. Und erst Recht nicht mit meiner Ungeduld.

Haben wir mal wieder eine kritische Situation, könnte ich regelrecht aus der Haut fahren. Innerlich koche ich vor Wut und Verzweiflung, aber das müsste wahrscheinlich gar nicht sein.

Vielleicht sollte ich mal sowas wie autogenes Training machen...

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