Freitag, 16. November 2012

Nein, ich esse meine Suppe nicht!

Oder in unserem Fall: Ich esse nur Brei! Und das auch nur, wenn ich will!

Es gibt immer mal wieder Momente, in denen kann einen dieses ach so niedliche, nun dreijährige, kleine Mädchen buchstäblich zur Weißglut bringen. 
Meistens haben diese Momente in irgendeiner Form - passend zu ihrer Problematik - mit Essen zu tun.
Das besondere Überraschungsmoment liegt dabei in ihrer Launenhaftigkeit. Bei einem erwachsenen Menschen würde man vielleicht den Verdacht auf manische Depression äußern, so extrem wie Johanna von himmelhochjauchzend zu zu-Tode-betrübt umschlägt, bei einem Kleinkind allerdings werden diese Stimmungswechsel wohl andere Ursachen haben. Speziell bei Johanna hat es scheinbar mit ihrer Wahrnehmungsgeschichte zu tun. Wie auch immer das zusammenhängen mag. 

In der einen Minute hüpft sie fröhlich singend und lachend vor mir her in die Küche zum Breimachen. Die Szenerie hat etwas von Vögelgezwitscher und Sonnenschein an einem wunderschönen Sommertag. Idylle pur. 
Sekunden später sitzen wir am Tisch, Madame löffelt ihren Brei, plötzlich bleibt ein winziges Krümelchen der Pampe an ihrem Finger kleben (wen wunderts... dieser Tapetenkleister...), und aus dem sonnigen Sommertag wird schlagartig der zerstörerischste Tornado, den die Welt je gesehen hat. Da bleibt kein Grashalm stehen! 
Nichts ist mehr Recht. Es wird gezetert und gekreischt, als ginge es an die Eingeweide, Madame möchte mir vorschreiben, wie und mit welchen Hilfsmitteln ich dieses eklige Krümelchen zu entfernen habe (und wehe, das Küchenpapier hat die falsche Farbe oder ist auf nicht ganz rechte Art und Weise gefaltet), ich bekomme mitgeteilt, wo ich meine Hände abzulegen und meine Augen hinzurichten habe, und wenn Johanna nun nicht sofort irgendwas in die Finger bekommt, mit dem sie sich vom Essen ablenken kann, dann ist alles vorbei. 
All diese (Auf-)Forderungen werden natürlich kreischend, weinend, jammernd, schreiend oder alles zusammen artikuliert. Jede ruhigere Tonart würde den Nachbarn auch keine Freude bereiten.

Kennt ihr dieses vorpubertäre Spielchen, bei dem derjenige verliert, der zuerst den Blick vom Gegenüber abwendet? Johanna ist weit entfernt von Vorpubertät, aber dieses visuelle Duell beherrscht sie nahezu perfekt. Sie rückt keinen Millimeter ab, und in der Regel schaue ich dann irgendwann woanders hin, der (noch) Klügere gibt ja bekanntlich nach. 

Vor meinem geistigen Auge sehe ich nun den ein oder anderen Leser verständnislos die Augen rollen und ein "Nun lass dir mal nicht so auf der Nase rumtanzen. Du musst dich nur durchsetzen!" formulieren, solchen Reaktionen bin ich in den letzten zwei Jahren zu Genüge begegnet. 
Und ebenso habe ich zu Genüge erklärt, dass Johannas Esserei und die Tatsache, dass sie nur Brei und Joghurt zu sich nimmt, nicht Ergebnisse von Trotzverhalten sind. Sie möchte uns nicht ärgern oder beweisen, dass sie sich durchsetzen kann. Vielmehr ist die Problematik das Resultat einer diagnostizierten Wahrnehmungsstörung, und würden wir uns bis ultimo auf den Machtkampf einlassen, dann würde ich über kurz oder lang (eher kurz) erneut mit meiner Tochter im Krankenhaus sitzen.
Sie ist bereits aufgrund totaler Nahrungsverweigerung am Tropf gelandet, und das würde höchstwahrscheinlich auch wieder passieren, wenn wir es provozieren würden.
Man wird mit solch einer Erfahrung im Hinterkopf einfach vorsichtig. 

Nichtdestotrotz gibt es natürlich Grenzen, und die zeige ich Johanna schon sehr deutlich auf, bilde ich mir ein. Alles kann sie sich noch lange nicht erlauben. Auch nicht beim Essen. 
Aber es gibt sicherlich noch ganz viel Luft nach oben. Verbesserungspotential. Möglichkeiten, unser aller Verhalten dahingehend zu ändern, dass die ganze Situation, der Alltag, das Familienleben für uns alle entspannter, schöner, liebevoller, stressfreier wird. 
Dahingegend setze ich wirklich große Hoffnungen auf die stationäre Therapie in München. 
Wo ich gerade München erwähne: Da könnte ich doch glatt morgen mal anrufen und nachfragen, wie der Stand der Warteliste so aussieht. 

Und wer weiß... vielleicht isst Johanna sogar, wenn wir von dort zurückkommen...

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