Freitag, 16. November 2012

Läuft und läuft und läuft...

Als ich Freitagnachmittag Johanna aus dem Kindergarten abholte, muss mir der Schrecken bereits ins Gesicht gemeißelt gewesen sein, denn eine der Erzieherinnen nahm mich direkt beiseite:
"Frau K., das muss nicht unbedingt eine Bindehautentzündung sein, das können auch einfach überlaufende Tränenkanäle sein. Die Johanna hat ja ne ziemliche Rotznase, und vielleicht sucht sich der Schnodder so den Weg nach draußen, weil die anderen Wege zu sind."
Ja nee, is klar, ums mal mit einem deutschen Comedian zu sagen.

Der Madame läuft der Eiter in Strömen aus beiden Augen, und es sind sicherlich nur überlaufende Tränenkanäle.
Freitagnachmittag siehts hier aufm Land schlecht aus mit geöffneten Kinderarztpraxen, und da Johanna ansonsten gut drauf war, entschieden wir uns, das Wochenende über den Verlauf (im wahrsten Sinne des Wortes... es lief und lief...) zu beobachten und dann weiterzusehen.
Bereits Samstagnachmittag stand fest, dass ich Montagmorgen keinesfalls würde arbeiten können. Ein Arztbesuch wurde immer umumgänglicher.
Also Ersatz für meine Schicht im Laden besorgt, Chef informiert und gebeten, den Wechsel abzusegnen. Gott (bzw. Chef) sei Dank alles kein Problem.

Im Laufe des restlichen Wochenendes näherte sich Johanna im Erscheinungsbild immer mehr (passend zur Jahreszeit) einem Zombie an. Blutunterlaufene Augen, die munter vor sich hin eiterten, Rotznase par excellence und und und. Wäre bereits Sonntag Halloween gewesen, ich hätte Johanna nur nen zerrissenen Mantel anziehen und nen Schlapphut aufsetzen müssen, sie wäre grandios als Untote durchgegangen. Make-Up überflüssig.

Den Höhepunkt hatten wir dann heute morgen um kurz nach vier, als wir durchs Babyphone plötzlich herzzerreißendes "Mamaaa, meine Auuuugen!" vernahmen. Wiederholt. Langgezogen. Weinerlich. Jeder Granit wäre weich geworden.
Und so fand ich mich um viertel nach vier an ihrem Bett wieder, bewaffnet mit einer Schüssel mit warmem Wasser und einem Waschlappen, und ich versuchte verzweifelt, die Augen vom festgebackenen Eiter zu befreien, damit unsere Madame diese wieder öffnen konnte. Das war nämlich überhaupt gar nicht mehr möglich.
Beide Augenlider wie zugenäht.
Bestimmt zwanzig Minuten hat es gedauert, bis sich der Schmand endlich löste und Madame wieder beginnendes Tageslicht wahrnehmen konnte.
Arme Maus. Dafür war sie aber erstaunlich gelassen und verhältnismäßig ruhig. Zum Glück verfiel sie nicht in ihre hysterische Panik, die wir bereits aus anderen Situationen kennen. Die Nachbarn hätten sich um diese Uhrzeit sicherlich bedankt.

Ich frage mich sowieso schon, was die so von uns denken.
Manchmal ist es aufgrund Johannas "Anfälle" (so will ich es mal nennen) schon recht laut bei uns.
Sowohl auf ihrer Seite als auch auf meiner, wenn meine Nerven dann doch nach zwei Stunden Gekreische mal durchgehen.
Nicht, dass hier irgendwann mal das Jugendamt vor der Tür steht, weil jemand meint, ich würde meinem Kind was antun. Gruselige Vorstellung.

Aber ich schweife ab.
Nach einer gefühlten Ewigkeit waren die Augen jedenfalls wieder nahezu sauber, und Johanna konnte tatsächlich nach einiger Überredungskunst meinerseits noch ein Ründchen in ihrem Bett schlafen.
Heute Morgen waren wir dann direkt bei unserem Kinderarzt, und auch dieser hat sich sichtlich erschrocken, als er Johannas entstellte Augen zu Gesicht bekam.
Wie lange sie das denn schon hätte, fragte er beinahe vorwurfsvoll.
Als würde ich sie wochenlang so herumlaufen und leiden lassen.

Nun haben wir Augentropfen bekommen, und mit zwei Mann (einer zum Festhalten, einer zum Einträufeln) bekommen wir die Dinger sogar verabreicht. Unsere Madame ist ja jeglichen Mittelchen, die irgendwo an ihren Körper ran oder in ihn rein müssen, ziemlich - sagen wir mal vorsichtig - skeptisch gegenüber eingestellt.
Auf gut Deutsch: In der Regel wird sie hysterisch. Sei es nun Saft, Tabletten, Zäpfchen, Salbe oder oder oder. Eigentlich geht so gut wie gar nichts.
Umso erleichterter bin ich, dass sie sich die Augentropfen wider Erwarten einigermaßen problemlos verabreichen lässt.
Und ich bilde mir ein, bereits eine gaaaaaanz leichte Besserung zu sehen.

Schauen wir mal, was die kommenden Tage so bringen.
Natürlich hat sie mit dieser ansteckenden Krankheit bis Donnerstag Kindergarten-Verbot, und Gott (oder eher wieder Chef) und Oma seien Dank ließen sich auch meine anderen Schichten dieser Woche so ummodeln, dass Johanna permanent betreut ist.

Wie machen das eigentlich alleinerziehende Berufstätige ohne Verwandte in der Nähe, wenn sowas Unvorhergesehenes passiert?
Ohne meine Mama wäre ich viel zu oft völlig aufgeschmissen.
Und ohne flexible Kollegen und nen in der Hinsicht doch recht verständnisvollen Chef.

Es kommt ja zum Glück nicht allzu oft vor, und Johanna ist sicherlich auch bald wieder auf der Höhe.
Hoffen wir es mal.

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