Freitag, 16. November 2012

Kleine Monkine

Es gibt Tage, an denen wird man morgens wach und denkt sich: "Jo, das wird heut' nix."
Das mag auch daran liegen, dass die Nacht bereits ein Desaster war.
Man schlafwacht sich von Hustenanfall zu Hustenanfall, zwischendurch bricht einem der Schweiß aus, die Halsschmerzen sind auch nicht zu verachten, und selbst dieses schon erwähnte wäh-ich-will-zu-meiner-Mama-Gefühl lässt einen auch nachts nicht in Ruhe.
Ergo: Man wacht morgens auf und ist genervt.

Da hilft es auch nicht mehr wirklich, dass die Madame auf nahezu unverschämt charmante Weise versucht, mit der Stehlampe am anderen Ende des Raumes zu verschmelzen, um ja nicht aufzufallen im Halbdunkel des viel zu früh geenterten Elternschlafzimmers. Einzig ihr leises Rotznasen-Schniefen verrät sie, ansonsten wäre sie mir - ungelogen! - nicht aufgefallen hinter dem mindestens 2cm breiten Stehlampen-Stengel (wie sonst sollte ich den Fuß bei der Dicke bzw. eher Dünne bezeichnen, wenn nicht als Stengel?).
Somit setze ich mich mit Brummschädel (nein, ich hab nicht gesoffen, ich bin erkältet!) im Bett auf, werfe einen kurzen Blick auf meinen selig vor sich hinschnarchenden Mann - gemein! Wieso wird der eigentlich nicht von jedem hustenden Floh wach? - und werfe dann der Madame mit weit geöffneten Armen ein schiefes ich-bin-zwar-verrotzt-wie-sau-aber-komm-zu-mir-mein-Schatz-Lächeln zu.

Sie kommt natürlich sofort angetapst, krabbelt aufs Bett, und dann gehts los:
Ist sie aus welchen Gründen auch immer - Müdigkeit, Unwohlsein, Krankheit, einfach so - eher suboptimal gelaunt, dann stört sie die Fliege an der Wand.
Im Laufe der Zeit hat sie ihre Art und Weise, in solchen Fällen von allem und jedem richtig übel angepisst zu sein und dem auch entsprechend Ausdruck zu verleihen, nahezu perfektioniert.

Meine Füße liegen nicht an der richtigen Stelle, die sollen doch dann lieber dorthin, meine Hände ebenso, ihre eiskalten Mini-Füßchen gehören nicht so unter die Bettdecke, sondern lieber SO, nicht der Papa soll ihr den Rücken krabbeln, sondern die Mama, aber nicht mit der flachen Hand, sondern mit den Fingerspitzen, und zwar genau so, wie sie es vormacht, und ja nicht anders, und wehe, jetzt wird nicht sofort der Fernseher angemacht, dann bricht aber die Hölle los! Eigentlich will sie aber lieber Brei essen, den Fernseher darf niemand außer ihr selber ausmachen und die Treppe will sie als erste hinuntergehen.
In der Küche geht es dann weiter bei der Wahl des Löffels, der Schüssel, des Sitzplatzes. Festhalten will sie weder Löffel noch Schüssel, dann auf einmal doch, dann auch wieder nicht mehr...

All das wird äußerst lautstark kundgetan in einem weinerlichen, langgezogenen, sirenenartigen Gejammer, mein Hals schwillt immer mehr an, meine Ohren pochen und ein aufmerksamer Beobachter könnte sicherlich auch spätestens in der Küche kleine Rauchwolken über meinem Kopf aufsteigen sehen.

Ich bin genervt!

Ich weiß nicht, ob ich es schon erwähnt habe, aber ich liebe meine Tochter wirklich abgöttisch.
Doch alles hat Grenzen!
ICH habe Grenzen!

Dieses monk-artige Gebahren (die meisten werden Monk, den schrulligen, genialen Fernsehdetektiv mit seinen Ticks, Neurosen und Zwängen wohl kennen?) treibt mich immer mal wieder an den Rand des Wahnsinns.
Auch bei der Madame geht es dann stellenweise um Millimeter. Dinge dürfen nicht dort liegen, sondern genau 2mm weiter rechts oder links, anders ausgerichtet, umgedreht oder oder oder.
Es darf dann nicht dieser Löffel sein, sondern es muss der andere sein (der meistens genauso aussieht, das nur am Rande). Das lässt sich beliebig übertragen auf jegliches Geschirr und Besteck. Und darüber hinausgehend auch auf nahezu jede Situation zu jeder Tageszeit. 
Wenn Johanna entsprechend gelaunt ist.

Nun gehöre ich nicht unbedingt zu den Menschen, die sich auf der Nase herumtanzen lassen, erst recht nicht von kleinen, schlecht gelaunten, irgendwie anders tickenden Mädchen.
In Anbetracht ihres "Andersseins" mache ich das alles bis zu einem bestimmten, recht nahe liegenden Punkt mit, wo es möglich ist, biete ich ihr zwei bis drei Alternativen und sie kann wählen, bei allem, was darüber hinausgeht, stelle ich dann meinerseits auf stur, denn wie bereits oben geschrieben: Alles hat Grenzen!
Und nicht alles lässt sich durch eine Wahrnehmungsstörung und damit eventuell zusammenhängende "Ticks" begründen oder gar entschuldigen. Ob es da überhaupt einen Zusammenhang gibt muss sowieso noch geklärt werden.

Das Ganze schaukelt sich im schlechtesten Fall natürlich auf, und letztendlich sind wir dann da, wo dieser Text angefangen hat: Ich bin genervt.

Jetzt gerade positiv: Schreiben löst Genervtheit. In meinem Fall jedenfalls. Über das Schreiben dieses Textes bin ich schon wieder wesentlich gelassener geworden.
Das geschriebene Wort ist seit jeher mein Ventil. Und wird es wohl immer bleiben.

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