Freitag, 16. November 2012

Heulsuse

Alter Schwede, was bin ich heute für eine Heulsuse?!

Es gibt Tage, an denen wird mir schlagartig alles zu viel.
Zur permanent vorhandenen körperlichen Müdigkeit, die schlicht zurückzuführen ist auf Schlafmangel, gesellt sich eine emotionale, seelische und sonstwie geartete Müdigkeit, die mich in den ersten Sekunden der ersten Runde auf die Matte schickt.

Ich bin des Kämpfens müde.
Kampf um meine Tochter. Um die Gesundheit meiner Tochter. Für meine Tochter.
Kampf gegen windmühlende Telefone, an deren anderen Enden allwissende Therapeuten sitzen, mit denen ich darüber diskutiere(n muss), ob diese oder jene Therapieform noch sinnvoll ist oder nicht.
Kampf gegen widerspenstige Tochter, die wieder mal einen ihrer Aussetzer hat, während derer sie nicht ansprechbar geschweige denn anfassbar ist. Abwarten und Tee trinken lautet dann die Devise. Können auch mal drei, vier, fünf Tees sein, bis Madame aus ihrer Hysterie erwacht. Dann könnte ich allerdings meinerseits in Selbige verfallen. Oder bin es schon manchmal.
Kampf um beziehungsweise gegen jede Mahlzeit meiner Tochter. An manchen Tagen ist man froh über jedes noch so kleine Löffelchen, das sie zu sich nimmt, an anderen Tagen könnte man einfach ausrasten und diese klebrige Breipampe an die Wand klatschen. Dort bleibt sie übrigens kleben, bewegt sich nicht mehr und würde wahrscheinlich auch wunderbar als Tapetenkleister fungieren. Bis zum nicht-mehr-Bewegen haben wir es schon ein ums andere Mal getestet.

Kampf um und gegen mich selber.
Denn seien wir mal ehrlich: Die letzten zweieinhalb Jahre haben Spuren bei mir hinterlassen. Ich bin müde, habe keine Lust mehr, bin es Leid. 
An manchen Tagen jedenfalls. 
Ich könnte ausrasten, die Wände hochgehen, das Familienporzellan zertrümmern. 
An manchen Tagen jedenfalls.
An allen anderen Tagen funktioniere ich. Mache meinen Job als Mutter eines etwas anderen Kindes wie ein gut geöltes Maschinchen. Irgendwann ist das Öl aufgebraucht, und wenn dann keine gute Seele kommt und das Maschinchen neu schmiert, dann gerät da irgendetwas ganz gewaltig ins Stocken oder bricht komplett in sich zusammen. An den Punkt bin ich bisher nicht gekommen, war aber schon mehr als einmal kurz davor.
Momentan bewege ich mich wieder drauf zu, schätze ich.

Ich habe mein eigenes Ventil (wieder)gefunden. Mein Essverhalten.
Früher schon problematisch, zwischenzeitlich gut, jetzt wieder katastrophal.
Hilfe kann ich so bald nicht erwarten, der nahende Winter treibt die zu Depressionen neigenden Menschen in Heerscharen zu den Therapeuten. Wartezeiten sind vorprogrammiert.
Relativ suboptimal, wenn man ein akutes Problem hat.
Wieder einmal muss ich da alleine durch.

So, wie ich irgendwie alles alleine mache.
Und so fühle ich mich auch.
Vor allem heute. Von der Welt allein gelassen. Müde. Sehnsucht nach einem "normalen" Kind, nach einem "normalen" Leben, nach einem Leben ohne Mühen, ohne Kampf, ohne Therapien, ohne Sorgen, ohne Ängste, ohne Verzweiflung und ohne Wut.

Und plötzlich sehe ich einen jungen Menschen im Fernsehen, der aufgrund eines Unfalles nie wieder laufen wird, und er strahlt und lacht in die Kamera, während er in seinem Rollstuhl vor- und zurückwippt, und ich denke mir: Was stellst du dich eigentlich so an?! Dir könnte es noch viel schlechter gehen!
Dann gräbt sich das schlechte Gewissen durch meine Eingeweide und es geht mir noch beschissener.

Verflixter Teufelskreis.

Bei jeder Kleinigkeit kommen mir die Tränen.
Ich muss hier raus, brauche Zeit ohne meine Tochter, Zeit, in der ich ich selber sein kann, mich mal für eine Weile nicht sorgen muss, die ganze Verantwortung abgeben kann.
Ich liebe Johanna abgöttisch, aber im Laufe der letzten Monate, wenn nicht gar Jahre, habe ich mich irgendwo zwischen Ärzten, Therapeuten und Krankenhäusern selber verloren.

Wo ist die vielzitierte Leichtigkeit des Seins geblieben?
Wo ist meine Gelassenheit hin? Meine Unbeschwertheit?

Wo bin ich hin?

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen