Freitag, 23. November 2012

Geduld ist eine Tugend

An manchen Tagen hole ich die Madame vom Kindergarten ab, und während wir Hand in Hand zum Auto gehen wird mir bereits klar: Das wird kein guter Tag.

Auf einmal ist der Bürgersteig nicht mehr Recht als erste Wahl des Weges, und Johanna will stattdessen lieber - wie kleine Kinder das eben gerne machen - einen Fuß auf dem Bürgersteig, einen Fuß eine Etage tiefer neben dem Bürgersteig laufen.
Das ist an sich überhaupt gar kein Problem, würde sie dem nicht schlagartig mit einem vehementen, weinerlich langgezogen "Nein, ich will doch DA laufen!" Ausdruck verleihen. Dabei schaut sie dich aus großen Schlafzimmerblickaugen an, die Mundwinkel sind leicht nach unten gezogen und zittern kaum merklich.
Das Gesicht und den Tonfall kenne ich schon zu Genüge.
Zeit zu flüchten.
Geht aber nicht, ist ja mein Kind, und wir wollen - nein, müssen - nach Hause.

Also ignoriere ich die Szenerie geflissentlich und lasse die Madame wortlos dort marschieren, wo sie marschieren will. Wenn es ganz schlecht läuft, verstolpert sie sich bei so einer Aktion, und dann ist der Tag bereits im Eimer, bevor er richtig angefangen hat.
Heute jedoch nicht. Heute lässt sie sich jede Menge Zeit für den Spannungsbogen und treibt es ganz langsam und genüßlich auf die Spitze.

Am Auto angekommen setze ich sie in den Kindersitz, was ich mit einem vernichtenden Blick quittiert bekomme. Zum Glück habe ich mir im Laufe der letzten zwei Jahre eine dicke Schutzhülle - ähnlich der Ozonschicht um die Erde - zugelegt, sonst wäre ich wohl an Ort und Stelle zu Staub zerfallen. Ich hatte ihren Plüschkater Tom einfach auf den Beifahrersitz gelegt, um sie anschnallen zu können. Grundgütiger!
"Nein, ich will doch meinen Tom haben!"

"Musik lauter machen."
"Noch lauter."
"LAUTER!"
"Du musst doch da lang fahren."
"Nein, DA lang!"
"Ist da ro-hot?"
"Bei Rot musst du stehen bleiben. Bei Grün darfst du fahren."
"Mama, ich will Brei essen."
"Mama, ich will Brei essen."
"Brei essen."
"Mama, ich will Brei essen."
"Mama..."

Mama macht die Musik lauter. Sehr viel lauter.
Die Fahrt vom Kindergarten nach Hause dauert lediglich 8 Minuten, aber diese 8 Minuten können an manchen Tagen eine ganze Ewigkeit bedeuten.
Über die Lautstärke der Musik werden wir uns dann grundsätzlich nicht einig. Johanna ist der Meinung, den besten Heimweg zu kennen und äußert sich dementsprechend laut und deutlich. Wiederholt. Auch die Ampelphasen bekomme ich an solchen Tagen detailliert erläutert, und wenn ihr bewußt wird, dass sie Hunger hat, dann ist man am besten schon zu Hause oder zumindest ganz kurz davor.

Die Treppe zur Wohnung rauf beweint sie bei jeder der viel zu zahlreichen Stufen ihr schmerzendes Bein. Sehr laut. Sehr langgezogen. Sehr sirenenartig. Ihr schmerzendes Bein schmerzt allerdings nur auf dieser Treppe, und auch nur, wenn sie dort hochgehen soll. Runter niemals, und auch auf jeder anderen Treppe ist sie - oh, Wunder - schmerzfrei. 
Ein Schelm, wer da Böses denkt.
Ohren auf Durchzug (sorry, Nachbarn), und ab nach oben, heulendes Kind dadurch am imaginären Seil hinter sich herziehend.

Zu Hause angekommen können wir beide erst mal durchatmen. Johanna, weil sie endlich ihren Brei bekommt. Und ich, weil heulendes Kind dank Brei nun für zehn Minuten der Mund gestopft ist und sich die Laune merklich bessert.

Allerdings nur kurz.
Bereits beim anschließenden Hintern-Service stört die Strumpfhose. Ist die Naht (dabei ist egal, welche Naht - ob nun am Fuß oder oben am Abschluss) nicht in einer Flucht mit was auch immer (ich konnte Johannas Kriterien noch nicht offen legen, sie bleiben mir ein Rätsel), dann ist das Geheule groß.
"Nein, die Strumpfhose ist doch nicht richtig!" weint's und wedelt mir mit dem Fuß vor der Nase rum. Ein bißchen Pseudogeziehe am vermeintlich schlecht sitzenden Stöffchen bringt Erleichterung. 
Ihr und mir.

"Ich will doch meinen Kittel anziehen."
Im Kopf rattere ich die ganze Wohnung runter. Kittel? Was für ein Kittel? Wir haben keinen Kittel?!
Weinender: "Ich will doch meinen Kittel anziehen!"
Im Kopf rattert es immer noch, während ich sie recht dümmlich, glaube ich, anschaue. 
"Mein Kittel. Ich will meinen Kittel." 
Inzwischen weint sie richtig.
Inzwischen bin ich richtig genervt.
Irgendwann erinnere ich mich an das rote Plastikdingens, das ihr gepasst hat, als sie etwa ein Jahr alt war und dafür gedacht war, die Kleidung beim Essen zu schützen. Und tatsächlich meint sie dieses rote Plastikdingens. Wiederholte Erklärungsversuche, dass wir diesen Kittel gar nicht mehr haben und er ihr doch auch gar nicht mehr passe, weil sie inzwischen ein großes Mädchen sei ("Nein, ich bin doch gar nicht groß! Ich bin doch klein!"), werden irgendwann geschluckt.

Mittlerweile ist der Tag soweit voran geschritten, dass Johanna mal wieder etwas essen möchte. Vanillejoghurt darf es dieses Mal sein.
Solche Tage sind prädestiniert für die Standortspielchen, wie ich sie mal nennen möchte. 
Die Schüssel darf nur genau dort stehen, keinen Zentimeter weiter rechts oder links. Ebenso verhält es sich mit Löffel, Trinkbecher und jedem anderen Utensil. Weicht etwas ab, wird das laut und weinerlich kundgetan. Tom ist beim Essen natürlich dabei, "will" aber heute liegen, wie dumm von mir, ihn einfach auf den Tisch zu setzen und zuschauen zu lassen.

Auch, wenn es nicht so aussieht, ich habe den Tag stark verkürzt dargestellt. Ich hätte noch unzählige weitere Beispiele für die Eigenarten meiner Tochter anbringen können. 
An solchen Tagen habe ich irgendwann den Papp auf, wie man hier sagt, mein Ohren klingeln und rauchen, und auf meinen Nerven spielen kleine, fiese Mini-Johannas Klavier.
Gedanklich feiere ich eine kleine Party, wenn es endlich heißt: Zeit fürs Bett!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen