Samstag, 24. November 2012

Auf den Spuren der Tücher

Johanna hat ein Faible für Papier, Tücher und Papiertücher jeglicher Art.

Bevor wir mit den Therapien angefangen haben, ertrug sie so gut wie nichts am Körper, speziell an den Händen. 
Keine Krümel.
Keinen Sand. 
Keine Fingerfarben. 
Keine Knete. 
Die Liste ist schier unendlich erweiterbar um Dinge, die an den Fingern kleben bleiben können. 
Damals musste sowas sofort abgewischt oder - noch besser - abgewaschen werden, wollte man einem hysterischen Ausbruch vorbeugen.
(Nur zur Erklärung am Rande: Auch dieses Verhalten hatte nie etwas mit Trotz oder Ärgernwollen oder ähnlichem zu tun, solche Empfindungen bereiteten ihr schlicht in irgendeiner Form - so wurde es mir mal erklärt - körperliche Schmerzen, weil ihr Gehirn nicht in der Lage war, diese diffusen Reize zu verarbeiten. Für uns nur schwer vorstellbar, aber tatsächlich wahr.)
Anderenfalls wurde geschrien, getobt, geweint... tatsächlich bis zur Hysterie.

Man gewöhnte sich an, immer überall Tücher zu haben.
Zeitweise fühlte ich mich wie Monks Assistentin.

Inzwischen hat sich Johannas Körperwahrnehmung über die Zeit und die therapeutischen Maßnahmen derart verbessert, dass sie alles anfasst, mit allem rummatscht, knetet, kleistert, malt, und zwar mit den Händen, und das alles ist für sie das Normalste von der Welt.

Diese Problematik ist verschwunden, der Hang zu den Tüchern hingegen ist geblieben. 
Inzwischen erlerntes Verhalten, würde ich mal behaupten. Oder einfach eine Vorliebe. 

"Ich will mir doch nur die Nase putzen!", das ist einer ihrer Lieblingssätze.
Und schon verschwindet das nächste Taschentuch in Johannas Händchen.

Nicht selten finde ich eine Klopapierblattspur vor, ausgehend vom Badezimmer bis hinein in ihr Kinderzimmer. Die Gretel legt ihrem imaginären Hänselfreund eine Spur aus Toilettenpapier. Meist endet diese Spur in einer wüsten Anhäufung von Papierfetzen, Taschentüchern und Klopapier.



In den letzten Monaten muss unser Papierverbrauch auf den einer sechsköpfigen Familie angestiegen sein.
Das ein oder andere Mal hat mich sogar mein Mann schon gefragt, ob ich das Toilettenpapier eigentlich aufessen würde. So viel könne man sich den Hintern doch gar nicht abwischen.

Ich bin unschuldig.
Johanna wars!

Nicht selten muss ich mich ganz schön beherrschen, wenn ich mal wieder so einen Papierhaufen irgendwo vorfinde oder wenn sie sich das dreiundzwölfzigste Taschentuch nimmt, kurz im Vorbeiflug ihre Nase streift, es dann zusammenknüllt und in den Müll oder ihr Zimmer bringt.
Auf der anderen Seite ist eben genau das eine der Kleinigkeiten, eine der Macken, die Johanna so besonders und liebenswert machen. 
Und meistens entlockt sie mir mit ihrem Charme auch im größten Papierberg doch noch ein Lächeln.

1 Kommentar:

  1. Hy,

    ja das kenne ich. Meine dachte im Bad kann man das Toilettenpapier prima in der Wanne verteilen. Ärgerlich ist es vor allem dann, wenn man grade alles sauber gemacht hat und dann die ganzen verteilen Schnipsel wieder aufheben muss. Aber es wird besser, glaub mir.

    Gruß Frau Verwirrt

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