Freitag, 16. November 2012

Anders

Schon relativ früh bemerkten wir, dass Johanna "irgendwie anders" ist.
Sie entwickelte sich prima, auch der Kinderarzt war stets höchst zufrieden, aber ab und zu gab es Situationen, in denen wir schmunzelten, verwirrt oder verunsichert waren oder uns einfach am Kopf kratzten.

Johanna fing früh an zu krabbeln, kam zeitig auf die Beine, so ziemlich mit allem war sie eher dran als die meisten anderen. Daher bemerkten wir auch entsprechend früh, dass sie konsequent um Teppiche herum krabbelte und das Laminat unter allen Vieren stets bevorzugte. Jeglicher andere Untergrund wurde gemieden, wagte man es einfach, sie auf etwas abzusetzen, was nicht glatt und kühl war, wurde geweint. Gras zum Beispiel lernte sie auch erst sehr spät am eigenen Körper kennen.
Baden war und ist bis heute meist eine einzige Katastrophe. Natürlich gibt es schlechte und bessere Tage, die Schlechten überwiegen, weshalb ich irgendwann dazu überging, die guten Tage zumindest in Gedanken rot im Kalender anzustreichen.
Wasser am Körper war lange ein Problem, am Kopf führt es noch heute zu hysterischem Gebrüll.
So hat Johanna auch erst diesen Sommer das erste Mal ein Planschbecken betreten.

Ebenso hat sie erst diesen Sommer gewagt, im Sand zu spielen. Bis dahin war alles, was krümelig und/oder sandig am Körper und vor allem an den Händen war ausschlaggebend für ausgiebiges Weinen, Jammern und Schreien.
Von Fingerfarben, Knete und ähnlichem fange ich gar nicht erst an. Das Zeug hat sie auch erst im Laufe dieses Jahres angerührt.

Rutschen und Schaukeln mag sie bis heute leider gar nicht. Sie weiß gar nicht, was ihr da entgeht.

Das alles ist uns natürlich nicht so geballt aufgefallen, wie ich es nun hier beschreiben kann, deshalb stellt man keine Zusammenhänge her und kommt erst recht nicht darauf, dass das Kind irgendwie "gestört" sein könnte.
Wie gesagt: Man schmunzelt, ist verwirrt und/oder verunsichert und kratzt sich bisweilen auch mal am Kopf.

Am deutlichsten trat die ganze Problematik dann beim Essen zutage: Die Umstellung von Milch auf Brei damals klappte relativ problemlos, sie aß später dann mit Begeisterung komplette Menügläschen, aber irgendwann war einfach Schluss damit. 
Zum Einen, was die Konsistenz anging: Stückchen? Nein danke!
Zum Anderen, was die Lebensmittelvielfalt anging: Menü? Nein danke! Zurück zum Grießbrei. Und zwar ausschließlich.

Auf Stückchen in der Nahrung reagiert Johanna mit Weinen, Hysterie, Gebrüll, Würgen bis hin zu Erbrechen. Von Anfang an.
Als "gute" Mutter sucht man die Fehler natürlich erst mal bei sich selber. Intensiver, je länger die Problematik anhält. Man muss ja irgendwas falsch machen, sonst würde das Kind essen. Jedes Kind isst. 
Jedes Kind isst Brötchen.
Jedes Kind isst Kekse.
Jedes Kind isst Süßkram (wenn man es lässt).
Jedes Kind isst Wurst, Käse, Marmelade, was auch immer.
Einfach jedes Kind isst irgendwann.

Johanna nicht.
Alles außer Breiigem wurde konsequent verweigert.
Bei der U6 sprach ich unseren Kinderarzt das erste Mal auf dieses Phänomen an, damals hieß es dann noch, Johanna sei einfach etwas später dran, das komme schon noch.
Schluckt man so, geht nach Hause und versucht es weiter.
Noch mehr Weinen, noch mehr Würgen, noch mehr Terror.
Und parallel dazu steigt die Verzweiflung und die Sorge bei der Mama.
Bei der U7 sprach ich unseren Kinderarzt erneut darauf an.
Dort wurde dann das erste Mal der Begriff "Essstörung" in den Mund genommen, und therapeutische Maßnahmen bei einer Logopädin wurden in die Wege geleitet.
Mittlerweile aß sie nicht nur nur Breiiges, sondern sie aß tatsächlich nur noch Brei. Grießbrei, um genau zu sein. Irgendwann zwischen der U6 und der U7 hatte sie sich quasi über Nacht entschieden, kein püriertes Menü mehr zu essen, sondern nur noch diese klebrige, süße Pampe. Und Fruchtzwerge zwischendurch.

Grießbrei und Fruchtzwerge.
Phänomenal gute Ernährung, aber irgendwann hat man als Mutter einen Punkt erreicht, da ist man froh, wenn das Kind überhaupt irgendetwas isst.
Und irgendwann hat man als Mutter einen Punkt erreicht, an dem sowohl die Vorwürfe als auch die sicherlich gutgemeinten Ratschläge Außenstehender ohne jegliche Ahnung scheissegal sind.

Jede Mahlzeit wurde zur Qual, jedes Baden wurde zur Qual, wann immer Johanna irgendwo irgendwelche Krümel hängen hatte wurde schlagartig alles zur Qual. Unser Alltag war bestimmt vom Essen, vom Gebrüll beim Essen, von der Sorge ums Essen, von der Angst vorm Nichtessen, nach und nach kam auch ich an meine Grenzen.

Und dann kommen kluge Menschen mit noch klügeren Ratschlägen:
"Du musst das Kind einfach hungern lassen, die tanzt dir doch auf der Nase rum."
Einer meiner persönlichen Favoriten.
Lässt man sie hungern, verhungert sie. Für viele schwer vorstellbar, aber so ist es tatsächlich.
Solang man noch keine Diagnose hat und der Meinung ist, irgendwas falsch zu machen, versucht man als Mutter alles, um das Kind zum Essen zu bewegen. Einfach alles. Und somit kann ich feststellen: Hungern lassen bringt gar nichts. Außer Vollversorgung in einem Krankenhaus vielleicht. 
Und selbst dort wird man angeguckt, als sei man vom Mars, wenn man mitteilt, dass das zweieinhalbjährige Kind bitte Brei zubereitet haben müsse, sollte sie irgendwann wieder essen.

Auch toll:
"Besondere Kinder suchen sich besondere Eltern aus."
Meistens denkt man sich dann: Einfach mal Fresse halten!
Ich will keine besondere Mutter sein, und erst recht will ich kein besonderes Kind haben. Ich will ein normales Kind, das normales Essen isst!

Aber dem ist nun mal nicht so.

Mehr demnächst an dieser Stelle... 

Kommentare:

  1. Mein Sohn wird bald 10 und Duschen geht gar nicht und Haarewaschen ist immer noch von Geschrei begleitet, wenn Wasser über die Ohren oder ins Gesicht läuft.
    In den Kliniken haben sie ihn bei den Behandlungsversuchen (er war 7 Jahre) hungern lassen (er spielt ja nur Machtspielchen und wird schon essen, weil kein Kind verhungert). Beide Male fing er exakt nach 4 Tagen ohne Essen (und Trinken, das tut er dann auch nicht mehr, auch sonst nur sehr wenig und nur Leitungswasser) an ständig zu brechen. Leider habe die Ärzte dort nichts unternommen, Tropf sowieso nicht, ich habe ihm dann auf eigene Faust wieder "sein" Essen gegeben. Weitere Konsequenzen hatte das nicht. Warum glaubt einem das bloss keiner, dass die Kinder wirklich verhungern würden?

    LG Tanja

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    1. Hallo Tanja,
      da habt ihr ja auch schon einiges durch.
      Sehr traurig, dass ihr an so unwissende oder ignorante Ärzte geraten seid. Druck und Zwang sind sowas von der falsche Weg. Ich weiß, wovon du da redest, wir sind auch schon am Tropf gelandet.
      Ich hoffe, ihr findet für euch noch den richtigen Weg!
      Darfst mir auch gerne ne Mail schreiben, wenn du dich noch ein wenig austauschen möchtest. ;o)
      Gruß,
      Rebecca

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